protokolle

Protokoll #1, 23.03.2020
Während andere sich in Galerien, Ateliers oder Studios einschließen, um dort ihrem künstlerischen Tun nachzugehen, bleibt mir lediglich der alte Laptop eines guten Freundes, um mich in dieser verworrenen Zeit auszudrücken. Die Tastatur auf Australisch, der Akku immer schwach; doch es ist das einzige Mittel das mir gerade bleibt, also muss ich das Beste daraus machen.
Einerseits die Armut der Mittel, doch andererseits – oh welch‘ Reichtum an neuen Erfahrungen, welche Vielfalt an noch nicht Dagewesenem. Wie viele ungehörte, ungesehene und unerzählte Geschichten entstehen in den letzten Tagen! Seit der Coronavirus die europäische Nachrichtenöffentlichkeit in Atem hält, passieren scheinbar mehr Dinge als in den letzten zehn Jahren zusammen. Das erste Mal wird meine Generation (die der Millennials; geboren bin ich 1996) von einem universalen Ereignis getroffen. Keiner kann sich entziehen, keiner kann sich auf die sonst so beliebte Interessiert – mich – nicht – Haltung verlassen, die von einem Geist der Oberflächlichkeit hervorgebracht wurde und diesen Geist auch immer weiter am Leben erhält. Nein – jetzt ist das erste Mal das Gefühl erwacht, sich nicht entziehen zu können. Einen jeden reißt es auf brutale Weise in den Strom der Ereignisse hinab.
Die Wichtigkeit des eigenen Lebens und der eigenen Entscheidungen tritt plötzlich wieder scharf hervor, die Gemütlichkeit hat sich schlagartig verflüchtigt. Zwar sind wir mit einem individualistischen Weltbild geboren und kennen seit Kindesbeinen nichts anderes als das Produkt der eigenen Leistung (und nicht das der gemeinschaftlichen Zusammenarbeit), aber wirklich leisten mussten wir noch nicht. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurden die westeuropäischen Gesellschaften Zeugen eines sich immer weiter ausdehnenden Wohlstandes, der auch die 1960 – 70er Jahre in den Schatten stellt. Alle Überlegungen zum gesellschaftlichen Fortschritt entstammen seit dem einer Blase der privilegierten Reflexion, die es sich leisten kann untätig zu bleiben. Der Wohlstand ist zu groß, als dass man wirklich etwas an den Bedingungen der menschlichen Existenz ändern möchte; lieber legt man sich nach einem üppigen Mahl für 30 – 45 Minuten zur Ruhe, um danach einen Kaffee zu genießen. Während der Individualismus gelobt wurde, wurde es dennoch immer weniger wichtig, wie man sich in den einzelnen Momenten verhält; wichtiger ist es nun sich in allgemeinen Schemata zu bewegen, die ihrerseits Sicherheit, Verlässlichkeit und Gemütlichkeit versprechen. Das Schemata Schule-Studium-Beruf garantiert zum Beispiel ein Leben ohne materielle Sorgen und es ist nicht besonders wichtig, wie man die einzelnen Stufen bewältigt, solange man sie überhaupt bewältigt. Mit dem Coronavirus ist jetzt etwas in unser aller Leben getreten, das diese Schemata grundlegend zu erschüttern scheint und das sich vielleicht am besten mit dem Begriff der „Singularität“ beschreiben lässt.

..James Clerk Maxwell demonstrates in 1861 how to take a coloured photographic image..

Der Begriff der Singularität wurde erstmals von James Clerk Maxwell zur Erklärung instabiler Systeme (und damit auch zur Erklärung eines Kollaps oder einer Veränderung) verwendet. In diesem Kontext bezeichnet der Begriff einen Zusammenhang, in dem eine kleine Ursache eine große Wirkung hat; in der also ein einzigartiges Ereignis zu einer radikalen Veränderung führt. Maxwell entwickelt im Folgenden acht Eigenschaften von Singularitäten, die sowohl in dynamischen als auch in sozialen Systemen auftreten können. Erscheint ein solches Ereignis in einem dynamischen System, dann ist es immer von einer mathematisch definierten oder definierbaren Instabilität begleitet; zu deren Definition wiederum der Russe Alexander Michailowitsch Ljapunow maßgeblich beitrug. Eine Instabilität bezeichnet die grundlegendste Eigenschaft einer Singularität, nämlich das Übertreten eines Zustandes in einen anderen, wobei ihr Ausmaß schlussendlich nichts anderes ist als das Ausmaß der Abweichung des neuen Zustandes vom alten.
Ljapunow entstammte einem gebildeten Elternhaus und verfolgte schnell und zielstrebig eine universitäre Karriere. Er wurde 1857 in Jaroslawl geboren, das bis zur Gründung von Sankt Petersburg im Jahre 1703 die zweitgrößte russische Stadt war. Dorthin zog es ihn dann für seine Studien, die er zunächst noch mit Chemie begann, um sich dann aber immer mehr der Mathematik zuzuwenden. Inwieweit er dabei direkten Kontakt mit den Ideen und Lehren von Maxwell hatte ist nicht bekannt, allerdings korrespondierte er mit dem Franzosen Henri Poincaré, der gleichzeitig einer der wichtigsten Rezipienten von Maxwells Ideen war. Das war aber nach seiner Zeit als Petersburger Student, die er 1885 erfolgreich mit der Arbeit Über die Stabilität von elliptischen Gleichgewichtsformen rotierender Flüssigkeiten (Об устойчивости эллипсоидальных форм равновесия вращающейся жидкости) abschloss. Die Arbeit verschaffte ihm nicht nur das Magisterexamen, sondern auch unmittelbare internationale Anerkennung. Ein für Ljapunow singuläres Ereignis. Als er dann nach Charkow umzog, um dort den vakanten Lehrstuhl für Mechanik zu übernehmen, wurden seine neuen Studenten ebenfalls Zeugen eines singulären Ereignisses. So berichtet sein Schüler Steklow über Ljapunows Antrittsvorlesung:
Ein gut aussehender junger Mann, von der Erscheinung fast wie die anderen Studenten, betrat gemeinsam mit dem alten Dekan, Professor Lewakowski, der von allen Studenten respektiert wurde, das Auditorium. Nachdem der Dekan gegangen war, begann der junge Mann mit zitternder Stimme seine Vorlesung mit einem Thema über die Dynamik des Punktes anstelle der mit dem Thema über die Dynamik von Systemen. Dieser Gegenstand war schon in den Vorlesungen von Professor Delarju enthalten. Ich war in der vierten Klasse. Ich hatte die Vorlesungen in Moskau von Dawidow, Zinger, Soletow und Orlow gehört. Ich war auch schon zwei Jahre an der Charkower Universität gewesen, so dass mir die Mechanik-Vorlesungen vertraut waren. Aber ich kannte den Gegenstand nicht von Anfang an und ich hatte ihn niemals in einem Lehrbuch gesehen. So verflog die Langeweile bei der Vorlesung vollständig. Alexander Michailowitsch errang in einer Stunde – ohne es selbst zu wissen – den Respekt des Auditoriums mit der Gewalt eines Naturtalentes, wie man es in solcher Jugend selten gesehen hat. Von diesem Tage an betrachteten die Studenten ihn mit anderen Augen und bezeigten ihm besonderen Respekt. Oft haben sie es nicht einmal gewagt, mit ihm zu sprechen, um nicht ihr Unwissen zu zeigen.

Maxwell befasste sich 1857, noch vor seinen Bemerkungen zur Singularität, mit der mathematischen Theorie der Stabilität der Ringe des Saturn. Die Ringe sind ein Ensemble mehrerer Körper von gleicher Masse, die den Saturn mit einer gewissen Geschwindigkeit umkreisen. Maxwell ging der Frage nach, wann sie theoretisch stabil seien, also was die Bedingungen für ihre realitäre Stabilität sind. Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass sie aus unabhängigen Teilen, die flüssig oder fest sein können, bestehen müssen. Damit wurde zur Grundbedingung für die mathematische Stabilität eines Systems die Unabhängigkeit und Ungebundenheit seiner Teile. Allgemein ließe sich aber die (Selbst-)Zerstörung des Ringsystems absehen, verursacht durch Störungen wie Zusammenstöße der Teilkörper. Weil die Teile unabhängig sind, ist das System stabil. Und weil die Teile unabhängig sind, wird sich das System selbst zerstören. Die Unabhängigkeit ist sowohl der Grund für das Funktionieren als auch für die Endlichkeit.

Protokoll #2, 25.03.2020
Ein anderer Leser von Maxwell’s Theorien begegnete mir recht zufällig bei einem längeren Spaziergang durch die Stadt. Diese Streifzüge, wie ich meine Gänge nun zu nennen pflege, führen mich oft in unbekannte Straßen, vorbei an matten Fensterscheiben, hinter denen ich die Angst der Hausbewohner spüren kann. Sie haben sich vor der Außenwelt verschlossen und leben auf sich zurück geworfen vor ihren Bildschirmen, hinter ihren zugezogenen Fenstern und werden blasser und blasser, während draußen die Sonne immer höher steigt. Die jetzt entvölkerte Stadt wirkt gespenstisch und gefährlich, im nächsten Moment wieder sonntäglich ruhig und beschaulich, dann wieder düster und lebensfeindlich. Ihr Brummen ist verstummt, ihr Takt hat seinen Rhythmus verloren und durch ihre Asphaltadern fließt jetzt nur noch ein dünnes Rinnsal an Blut. Alle Quellen sind fürs erste versiegt. Die Restaurants verschlossen; die Cafés verschlossen; die Boutiquen verschlossen. Nicht nur die Bedürfnisse des Körpers kommen zu kurz, auch die des Geistes leiden einen unbekannten Hunger. Ohne Konzerte, ohne Ausstellungen und ohne Vorträge ist das neue Leben jetzt; ohne Klang, Geschmack und Farbe vergeht Stunde um Stunde; die selben Totenglocken läuten viertelstündlich und hallen nun hundertmal lauter durch die Gassen, um den Prozessionen ihr Ziel anzuzeigen.

Es war auf einem dieser Streifzüge also, dass ich vor einem der öffentlichen Bücherschränke innehielt. Normalerweise lockt mich ihr Angebot nicht; zu viele schlecht geschriebene Bücher stehen schon viel zu lange in den Fächern, doch jetzt, mitten in dieser intellektuellen Einöde, verspürte ich das dringende Bedürfnis nach neuen Gedanken, nach neuen Gefühlen. Der Bücherschrank lockte mich schon von weitem mit dem Versprechen nach Abwechslung und ich gab hilflos seinem Rufe nach. Als ich dann die gläserne Tür öffnete, wurde mir schnell wieder klar, warum ich normalerweise einen großen Bogen um solche Schränke schlug. Der Gestank von billigem, vergilbten Papier schlug mir entgegen und ich musste unwillkürlich an die Wohnzimmer mit den vorgezogenen Vorhängen und den hohen Regalen aus dunklem Tropenholzimitat denken, in denen ein alter Mann oder eine alte Frau in einem der zwei großen Sessel sitzt, das Buch offen auf den Oberschenkeln liegend, die Hände leblos herabhängend. Nur wenige der Buchrücken erregten überhaupt meine Aufmerksamkeit und ich rang mich dann schließlich doch dazu durch, eines der Bücher in die eigenen, nicht leblosen Hände zu nehmen. Warum es schließlich genau das eine war und nicht das daneben stehende ist mir bis heute nicht klar. Die Intuition, gerade die des Künstlers, ist oft sehr sprunghaft und es ist das größte Glück und die größte Qual des Künstlers, seinen Intuitionen jederzeit folgen zu müssen.

In meinen Händen halte ich ein an den Rändern vergilbtes Buch, etwa anderthalb Zentimeter dick, mit weißem, günstig gefertigtem Einband. Der Buchdeckel ähnelt einer wissenschaftlichen Veröffentlichung, in seiner minimalistischen, schwarz – weißen Gestaltung, doch schon jetzt zweifle ich an der Exaktheit und Gewissenhaftigkeit, mit der es geschrieben sein sollte. Es wurde 1987 veröffentlicht und schildert die Beziehungen zwischen US – amerikanischen Pressemogulen und den Nationalsozialisten zwischen 1930 und 1945. Dass eine solche Verbindung existierte, war mir bis dahin nicht bekannt gewesen.
Eines der Kapitel handelt von einem gewissen William Randolph Hearst, der von Thomas Walker, auch bekannt als Robert Green, beschrieben wird.

Protokoll #3, 27.03.2020

Tagebuch von Robert Green
12. Oktober 1934
Heute Ankunft in der Sowjetunion. Nach einer langen Reise von London über Brüssel nach Berlin und Warschau habe ich heute am frühen Abend die Grenze der UdSSR überquert. Am Grenzübergang von Negoreloye wartete ein einziger Beamte, adrett gekleidet in seiner Uniform und scheinbar unberührt von der Kälte, auf den Zug. Er stieg vorne beim Schaffner ein und kontrollierte anschließend die Papiere aller Reisenden. Es gab keinerlei Probleme mit meinen gefälschten Papieren, die mir noch vor meiner Abreise in London ausgehändigt wurden. Der Fälscher hat gute Arbeit geleistet, was auch das mindeste ist. Auch mit der Kamera gab es keine Probleme, die Gepäckstücke wurden gar nicht erst kontrolliert.
Der Passagier auf dem Platz neben mir beschwerte sich lautstark bei dem Beamten, während dieser seine Papiere in den Händen hielt, wobei ich nicht genau verstand, worum es dabei ging. Wahrscheinlich wollte er wissen, warum die Kontrollen immer so lange dauern; wir saßen mittlerweile schon über eine Stunde in dem stehenden Zug. Der Beamte reagierte kühl und gelassen, kontrollierte weiter die Papiere der anderen Passagiere, die mit uns in der ersten Klasse saßen und verließ dann den Zug wieder vorne beim Schaffner. Dann durften wir alle aussteigen und ich setzte zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit meine Füße auf russischen Boden.
Negoreloye selbst ist ein vergessener Marktflecken inmitten einer Einöde; es gibt nur eine Straße, die ohne Steine gebaut ist und ein paar schmale Fußwege zu den abseits gelegenen Höfen der Bauern. Das größte Gebäude ist das Wohnhaus der Familie Süsskind, wie mir mein Sitznachbar stolz mitteilte. Er scheint öfter hier vorbeizukommen. Auf der einen Seite der Gleise liegt Negoreloye, auf der anderen Seite fließt ein schmales Flüsschen dahin, das sich in einem Waldstück verliert. Es gibt auch zwei Mühlen, die einen modernen Eindruck machen, wahrscheinlich sind sie im Zusammenhang mit dem Fünf-Jahresplan gebaut worden. Ich konnte auf dem kurzen Wegstück keine Getreidefelder ausfindig machen, die ansässigen Bauern scheinen vor allem Viehzucht zu betreiben, aber wahrscheinlich wird dann aus den Nachbardörfern das Getreide hier her gebracht. Eine alte Großmutter trug leere Milchkannen, drei oder vier an jeder Hand, ansonsten begegnete uns niemand. Alle Passagiere der ersten Klasse gingen wie wir den Weg zur Herberge, die anderen verteilten sich am Bahnsteig und um das kleine Bahnhofsgebäude herum, wo sie wahrscheinlich die Nacht im Freien verbringen werden. Dazu haben sie zahlreiche Decken und Vorräte mitgebracht.
Ich jedenfalls bin froh um das Holzfeuer, das im Speisesaal der Herberge noch brennt und für das ganze Haus eine angenehme und willkommene Wärme spendet. Der nächste Zug kommt morgen früh um 5:50 und wird uns direkt nach Moskau bringen, wo wir planmäßig kurz nach Mitternacht ankommen sollen. Mein Sitznachbar stellte sich kurz vor der Herberge als Herr Frisch, Schweizer und Kosmopolit, vor. Er fühlt sich allem Anschein nach sehr zu mir hingezogen; er bleibt immer in meiner Nähe und sieht jetzt in mir so etwas wie seinen Reisekameraden. Er war voller Begeisterung, als er herausfand, dass wir beide nach Moskau fahren werden. Ich bin gespannt, ob wir morgen wieder nebeneinander sitzen werden. Er war schon mehrmals dort, auch jetzt ist der Grund für seine Reise eher banal – er will eine ehemalige Geliebte wiedersehen. Auf die Frage, was ich denn in Moskau machen würde, reagierte ich zurückhaltend. Ich wolle im russischen Staatsarchiv über die Zeit des Terrorismus in den 1880ern Jahren recherchieren. Er gab sich mit der Antwort zufrieden und erwartete keine weiteren Ausführungen zu dem Thema.
Ich wäre lieber für mich alleine. Mit den gefälschten Papieren komme ich mir ein bisschen schmutzig vor und ich habe das Gefühl, ihn in jeder Sekunde anzulügen, auch wenn ich es eigentlich nicht tue. Die doppelte Identität lastet schwer auf mir – schwerer als gedacht.

Protokoll #4, 30.03.2020

Tagebuch von Robert Green
13. Oktober 1934
Heute wieder eine schier endlos lange Zugfahrt – dieses Mal nach Moskau. Es wird kälter, die Leute werden ruhiger, aber im gleichen Moment auch grimmiger. Frisch sitzt natürlich wieder neben mir und schwärmt die ganze Zeit von der russischen Kultur und der Mentalität der Menschen hier. Sie seien eigentlich viel offener und liberaler als die Menschen im Westen, so sagt er mir, und fügt in einem komischen Tonfall, von dem ich nicht weiß, ob es als ein Scherz oder als eine Beleidigung gemeint ist, hinzu: „Vor allem als die Amerikaner“. Wieder überkam mich das Bedürfnis alleine zu reisen, andererseits ist es vielleicht garnicht mal so verkehrt mit einem Menschen wie Frisch unterwegs zu sein. Falls irgendwelche Kontrollen durchgeführt werden sollten, würde er sicher mit seiner dümmlich – gutmütigen Art dafür sorgen, dass die Beamten schnell wieder abließen.
Ich habe kein gutes Gefühl bei diesem Auftrag und ich werde versuchen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Die Stimmung im Land scheint ziemlich angespannt zu sein und man wartet förmlich auf einen Fremden, der ein paar Fragen zu viel stellt, um an ihm ein Exempel zu statuieren und das nationale Einheitsgefühl wieder herzustellen. Im Allgemeinen habe ich keinerlei Lust auf diese Schmäh-Kampagne gegen die UdSSR, wie sie von Hearst gerade geplant wird, aber ich hatte keine Wahl; zu viele offene Rechnungen, zu viele Probleme und sowieso hat mir London auch gehörig gestunken.
Ein Unterhändler von Hearst hat mich vor ein paar Tagen in meiner Wohnung im East End besucht, weiß der Teufel woher er meine Adresse hatte, um mir dieses Angebot zu unterbreiten. 30 – 50 Fotografien von hungernden und verarmten Menschen, ein paar Seiten Notizen, die die Verhältnisse vor Ort weiter dokumentieren, und das gegen eine gute Stange Geld. Hearst selbst kenne ich noch aus meiner Zeit in New York, wir hatten die gleichen Vorlieben was Clubs und Frauen anging und wir trafen uns oft im Cotton Club in Harlem oder im Back Room in Manhattan. Diese Begegnungen waren zu Anfang noch zufälliger Natur, doch wir begannen bald schon damit, uns gezielt zu verabreden. Wir haben einige krumme Dinger gedreht, aber als es mir in New York zu heiß wurde und ich stattdessen nach London ging, brach der Kontakt ab. Vor ein paar Jahren war ich dann nochmal dort und traf auch tatsächlich Hearst wieder in den gleichen Clubs, in den gleichen Anzügen, mit den gleichen Frauen. Er hatte sich nicht verändert und das machte mir Angst. Ich teilte ihm dennoch meine aktuelle Adresse mit und versicherte ihm mehrmals, dass ich die Arbeit mit ihm sehr geschätzt habe. Wenn er neue Ideen habe, solle er nicht davor zurückschrecken, mich zu kontaktieren. Auf der gesamten Rückreise wurde ich die Gedanken an ihn nicht los. Was er wohl für ein Leben führte, da in New York, tagsüber einer der wichtigsten Männer in der amerikanischen Presse und Abends ein Gast im Cotton, wo er alle Leute von Bedeutung kannte, sehr zurückhaltend war er immer gewesen, niemals musste er sich in den Vordergrund drängen, er hatte das Selbstbewusstsein eines Königs, der ganz genau weiß, dass am Ende noch mehr als genug für ihn da ist.
In Erinnerung an diese Erfahrung nahm ich den Auftrag aus London an; in dem Bewusstsein für einen Menschen zu arbeiten, der mir an Rang und Einfluss weit überlegen war, der aber dennoch etwas in mir sah, das ihm imponierte.
Dass sich die Arbeit dann als so nervenaufreibend herausstellen würde – damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin voller Angst, dass jemand auf mich aufmerksam werden könnte und ich weiß nicht einmal warum. Der Pass ist gut gefälscht, ich habe ein Schreiben, natürlich auch gefälscht, der Universität von Exeter bei mir, dass mich als angehenden Professor der Soziologie ausweist. Dass ich in Moskau ins Staatsarchiv gehen soll ist nicht einmal gelogen, nur der Gegenstand meines Interesses ist jetzt ein anderer als der, den meine Habilitationsschrift behandeln sollte. Statt dem Terrorismus der 1880er Jahre nachzugehen will ich mir Bilder aus dem ersten Weltkrieg ansehen und darunter hoffentlich einige finden, die Hearst genügen.
Diese Idee kam mir heute morgen mit dem Aufstehen – ich will versuchen, möglichst wenig mit der Kamera herumzulaufen, das erscheint mir zu heikel. Gerade auch weil es ein amerikanisches Modell ist, wird sie hier viel Aufmerksamkeit erregen.
Der Zug fährt ruhig durch russische Wiesen und Waldstücke, Frisch schläft neben mir, während ich dies schreibe und die Sonne fällt schräg durch das Fenster auf meinen Platz. Das gleichmäßige Rattern der Räder stiftet eine unglaubliche Ruhe. Alle Passagiere sind verstummt, aber sie alle nehmen Teil an dem Erlebnis.

Protokoll #5, 31.03.2020

Tagebuch von Robert Green
14. Oktober 1934
Wie erstaunlich ist es doch, was die Technik mittlerweile zu leisten im Stande ist! Mit Ehrfurcht verneige ich mein Haupt vor ihren letzten Errungenschaften! Auf den letzten Kilometern vor Moskau wollte ich mit Frisch ein Gespräch über die Fotografie beginnen, aber er scheint auf diesem Gebiet nicht sonderlich bewandert zu sein und so war es keine Überraschung, dass das Gespräch nach einigen Sätzen wieder verebbte. Er scheint für mich ein Mensch zu sein, der sich allem Modernen grundsätzlich verweigert und er hat daraus seinen Charakter geschmiedet. Er will nichts wissen vom Rundfunk, er hat noch nie vom Fernsehen gehört und ich kann mir gut vorstellen, wie er in seinem Schweizer Bergdorf abends im Schein einer Kerze ein Kapitel Dante liest und das Ende der romantischen Zeit, in der es noch keine Elektrizität gegeben hat, beklagt. Dabei ist der technische Fortschritt unabwendbar! Wer will sich ihm in den Weg stellen, wenn er sich mit der Gewalt eines Naturgesetzes vollzieht?
Eine der letzten Sachen, die ich in London noch erledigt habe, bevor ich zu dieser Reise aufgebrochen bin, war, mir neue Chemikalien für meine Dunkelkammer zu besorgen. Jetzt lässt mich der Gedanke daran nicht mehr los und wie gerne wäre ich dort, in dem angenehm roten Licht, um mit den Negativen zu experimentieren. Wenn ich zurück komme, will ich direkt damit beginnen die Farbfotografie zu studieren. Ich habe von einem Freund erfahren, dass es der Schotte Maxwell gewesen sein soll, der das erste Farbfoto hergestellt hat. Dabei soll er mehrere transparente Abzüge vom gleichen Motiv hergestellt haben. Jeder Abzug stammt von einem anderen Negativ, wobei die Kamera bei der Aufnahme zuerst mit einem roten, dann einem blauen und schließlich einem grünen Filter versehen war. Wenn man dann die drei Abzüge aufeinander projiziert, entsteht scheinbar eine farbige Kopie des Motivs. Mir ist unerklärlich, wie das möglich sein soll, aber ich bin gespannt, es nachzuvollziehen. Auch unter den großen Fotografen der Zeit, die vor allem aus den USA stammen, tut sich bisher keiner wirklich mit der Entwicklung einer farbigen Fotografie hervor. Ich weiß nicht, woher dieses Defizit stammt, ob es wirkliche die technischen Herausforderungen sind, die sich einem unheimlich in den Weg stellen? Oder hat es sich die Fotografie einfach zum Dogma gemacht, nur schwarz – weiße Bilder herzustellen? Ist sie ebenso mit dem Ewig – Gestrigen behaftet, wie dieser Schweizer Frisch, der nach unserer Ankunft in Moskau erst einmal darauf bestand, einen Brief in die Schweiz zu senden, gerade so, als ob er noch nie etwas vom Telegrafen gehört hätte.
Zum Glück trennten sich unsere Wege am Bahnhof. Ich bin in einem kleinen, bescheidenen Hotel in Bahnhofsnähe abgestiegen, Frisch dagegen brüstete sich damit, dass er seine Zeit hier im „National“ verbringen wird. Das Luxushotel hat gerade erst wieder eröffnet, nachdem es eine lange Zeit des Umbaus und der Renovierungen hinter sich hatte. Jetzt soll es laut Frisch einen besonderen historischen Charme haben. Man hat aus allen Teilen des Landes antike Möbelstücke, Bilderrahmen, Kronleuchter, Teppiche, Porzellan, Spiegel, Vasen und und und zusammengehäuft und sie in das Betonskelett gestopft. Ich will mir garnicht vorstellen, in welchem Kitsch Frisch jetzt leben muss. Wahrscheinlich ist er damit noch glücklich, mit seinen roten Bäckchen und seinem dümmlichen Grinsen. Mein Zimmer bietet nichts von all dem, doch es ist mir gerade recht. Ein schmales Bett, ein kleines, dünnes Fenster, durch das eine Ahnung der Kälte hinein gelangt und ein Waschbecken mit einem blinden Spiegel darüber – das ist alles. Nachdem ich lange geschlafen habe, bin ich gegen Mittag die Blocks in der Umgebung abgelaufen und habe mich dann zum Staatsarchiv begeben. Das wird für die nächsten paar Tage mein Arbeitsweg sein.

Prokoll #6, 05.04.2020
Tagebuch von Robert Green
15. Oktober 1934

Die Arbeit ist schwerer als gedacht. Das stellte sich nach meinem ersten Tag im Archiv schnell heraus. Ich bin zwar einigermaßen an das kyrillische Alphabet gewöhnt, aber hier findet sich wirklich kein einziger lateinischer Buchstabe. Das überforderte mich zu Beginn sehr und ich brauchte circa zwei Stunden, um überhaupt herauszufinden, in welchem Bereich des Archivs sich die Aufzeichnungen zum ersten Weltkrieg befinden. Als das getan war, sichtete ich die einzelnen Jahre. Es ist wirklich unglaublich, wie viel Material man hier zusammengetragen hat. Die Sammlung wurde von den Bolschewisten angelegt und man kann deutlich erkennen, in welcher Art und Weise sie den Krieg gesehen haben und es immer noch tun. Für Lenin und die Parteielite war er die willkommene Chance, das Regime der Zaren endgültig zum Einsturz zu bringen. Schon in den ersten Kriegswochen offenbarten sich auf dem militärischen Gebiet im Besonderen die Schwächen des russischen Staates im Allgemeinen. Diese kehrten sich immer weiter gegen ihn, bis er schließlich unter dem Druck zerriss. Fehlende Koordination und Eigenbrötlerei, veraltete Denk- und Kampfweisen, das waren die Hauptgründe fuer das militärische Scheitern. 
Ich habe daher großes Glück, denn, auch wenn ich sie heute noch nicht direkt fand, so sollten die Berichte über die hungernde Bevölkerung einen großen Platz einnehmen, zeigen sie doch, wie rücksichtslos Zar und Staatsführung der zivilen Bevölkerung gegenüber waren. Dass diese systematisch mit Propaganda über die tatsächliche militärische Entwicklung getäuscht wurde, ist heute längst kein Geheimnis mehr. Der Hass auf den Zaren sitzt tief in den Herzen; gerade in den Köpfen der Landbevölkerung hat sich ein vollkommener Einstellungswandel vollzogen. Wie stark muss die Gegenaufklärung der Bolschewiki in den ersten Tagen nach der Revolution und dann nochmal nach der Staatsgründung vor 12 Jahren gewesen sein! Sie haben alle ihre Ressourcen mobilisiert, um durch ihre Presse für eine geistige Vernichtung des Zaren zu sorgen. 
Es war im Übrigen auch nicht so leicht, den richtigen Bereich zu finden, weil die Dame, die am Empfang arbeitet und der ich das Schreiben aus Exeter vorlegte, mich natürlich zu den Hochjahren des Terrorismus geführt hat. Sie war sehr freundlich, besonders hübsch war sie nicht, aber wer weiß, vielleicht frage ich sie noch an einem Abend, ob sie mit mir ausgehen will. Sie ließ sich den ganzen Tag über nicht mehr zwischen den Regalen blicken, so konnte ich einigermaßen ungestört arbeiten. Ich muss Vorsicht walten lassen und darf nicht den Anschein erwecken, dass ich am herumschnüffeln bin.

Tagebuch von Robert Green
16. Oktober 1934

Ich muss mit diesem Tagebuch aufhören! Ich weiß auch, dass es unvernünftig ist, es weiter bei mir zu behalten, lieber sollte ich es auf dem Weg zum Archiv unauffällig entsorgen. Ich fühle mich beobachtet und ich schreibe hier mein eigenes Geständnis für jeden, der das Tagebuch bei mir findet. Heute auf dem Weg zum Archiv folgte mir ein grimmig aussehender Mann. Ich bemerkte ihn zwei Blöcke vom Hotel entfernt und auch obwohl ich einen Umweg und einige sinnlose Abbiegungen ging, blieb er immer noch hinter mir. Erst als ich vor dem Archiv stand, sah ich, wie er sich davon machte. Ich habe Angst!
Aber dennoch kann ich mich nicht von dem Tagebuch trennen! Wie gerne lese ich die alten Seiten, die Berichte vergangener Tage, die tief in mir die Erinnerungen wieder wachrufen. Ich werde es verstecken und erst in London wieder herausholen! Bis dann, ich hoffe alles entwickelt sich zum Guten!

… ein von Hearst aus Frankreich importiertes Kloster steht heute auf den Bahamas…

So enden die Aufzeichnungen von Robert Green, der unter dem Decknamen Thomas Walker in die Sowjetunion reiste. Er kehrte schließlich doch mit einigen Kontaktabzügen und handschriftlichen Kopien von Zeitungsartikeln, allesamt aus den Jahren des ersten Weltkrieges, nach England zurück. Was aus dem Mann wurde, der ihn an seinem dritten Tag in Moskau zum Archiv verfolgte, darüber weiß man nichts. Vielleicht handelt es sich bei ihm nur um eine von Green entwickelte Paranoia, eine Art von Verfolgungswahn. Oft legen sich Menschen solche Ideen zurecht, gerade wenn sie sich einsam mitten in unbekanntem Terrain befinden; vielleicht auch nur, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Wenn man sich inmitten von fremden Menschen bewegt und es kaum Aussichten auf eine Kontaktaufnahme gibt, sei es durch ethnische oder sprachliche Barrieren, dann neigt man doch im Allgemeinen dazu, sich einen fiktiven Freund vorzustellen. Es kommt zu einer gnadenlosen Überbewertung einer jeden sozialen Beziehung und vielleicht ist Green das gleiche mit der Empfangsdame im Archiv passiert; jede Interaktion gewinnt für einen selbst plötzlich eine immense Bedeutung. Auch wenn es dann nur ein zufälliger Spaziergänger sein sollte, ist man schon geneigt, sich ihn in den schillerndsten Farben vorzustellen. Wer er wohl sein mag, dieser Herr, der ebenfalls alleine durch die Stadt läuft; ebenfalls auf der Suche nach etwas. Diesen Mantel den er trägt, der erinnert doch an einen hohen Beamtenangestellten, diese perfide Kombination aus Eleganz und Müdigkeit, diese Ausdrucksstärke der Neutralität. Geschmeidig geht er an den Passanten vorbei; da ist eine ältere Frau, die sehr langsam geht und ihm damit etwas den Weg versperrt. Er verlangsamt seine Schritte, wartet höflich etwas ab, bis das entgegenkommende Pärchen vorbei ist, und zieht dann mit zwei langen Schritten an der Frau vorbei. Er trägt eine Aktentasche und einen kleineren Stoffbeutel, in dem er wahrscheinlich Einkäufe oder sein Mittagessen befördert. Er hebt seinen Kopf empor und man kann unter dem Schatten seines Hutes die glatte und gepflegte Haut sehen. 
Haben wir uns schon einmal gesehen? Nein, oder? Na gut.
Aber plötzlich bewegt er sich nicht mehr so geschmeidig durch die Menschenmassen, plötzlich hat er ein festes Ziel und vergisst darüber seine Umwelt, er rempelt einen anderen Mann an und dreht sich nicht einmal nach ihm um. Auch das Tempo seiner Schritte hat sich merklich erhöht.

Als Green nach London zurück gekehrt war, übergab er dem selben Mittelsmann, der ihm den Auftrag von Hearst erteilt hatte, die Transkripte und Abzüge. 

Einige Monate später wurden in der amerikanischen Presse im großen Stil Berichte über den Hunger in der Sowjetunion veröffentlicht. Sie erschienen im Chicago American und im New York Evening Journal, beide von Hearst herausgegeben. Hearst veröffentlichte Anfang der 1930er Jahre ebenfalls Artikel von Churchill, Mussolini, Goehring und Hitler in seinen Zeitungen. 1934 reiste er nach Deutschland und wurde dort von Hitler persönlich empfangen. Nach der Kristallnacht 1938 begann Hearst die Idee eines Schutzraumes für vertriebene und verfolgte Juden zu vertreten und war anschließend einer der ersten, der über den Holocaust berichtete.

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