Bahnfahrt

Mit einem schnellen, kräftigen Schritt steige ich in den dunklen Zug. In dem Abteil, das ich dann betrete, sitzt einsam ein älterer, mich nur flüchtig grüßender Herr, der in die Lektüre seiner Zeitung vertieft ist. Das Papier knistert zwischen seinen alten, von Zigaretten gelb verfärbten Finger. Ich lege mein Gepäck auf die dafür vorgesehene Ablage und öffne mit einem Quietschen das Fenster, vor dem du stehst. Ich blicke in deine feuchten, braunen Augen, vor denen einzelne Haarsträhnen treiben. Doch halte ich deinem Blick nicht lange stand, denn ich spüre schnell, wie sich meine Augen ebenfalls mit Tränen füllen und drehe meinen Kopf zur Seite.

Die Stille flimmert in der Ferne über dem Gleisbett. Der Wind streicht sanft über das Bahnhofsgelände, er hinterlässt keine Spuren, er bleibt geräuschlos. Eine Zeitung flattert in seinem regelmäßigen Atem, eine Tüte rutscht über den Boden und ein Hut hebt sich gefährlich weit – doch immer ist die Hand zur Stelle und verhindert sein Abheben. Neben den Schienen wachsen dünne Gräser in einem Meer aus Steinen, Zigarettenresten und Plastikfetzen. Der Wind schaukelt sie langsam in der Stille. Ihr Grün ist das einzig noch verbliebene Grün, ja fast die einzige Farbe auf dem ansonsten grau – braunen Gelände. Netzförmig ist hier alles angeordnet, nach Kriterien der ordnenden Vernunft angelegt und gebaut. Gänge und Überführungen stehen senkrecht zu Treppen und starke Metallstränge laufen parallel zu diesen, Kabelmassen verteilen sich am Boden und in der Luft. Kein Wort fällt in diese organisierte Stille.

Die Stimmen aus den Lautsprechern, die so regelmäßig ertönen, sprechen nicht – sie tönen dumpf im Wind und vermischen sich mit seinem Flüstern. Die ankommenden Züge rollen geräuschlos ein, während ihre Bremsen ohrenbetäubend kreischen. Nach dem Schwall ist die Stille noch größer, noch umgreifender und schwillt ihrerseits an, bis ihre Wellenberge brechen. Unter ihrem Druck splittern alle Gespräche entzwei. Wo nichts gesagt werden kann, sind alle Worte längst gesprochen. Die Schienen eilen zum Horizont und verlieren sich in den Wäldern und Siedlungen zu ihren Rändern. Über ihnen Kabel und Leitungen, neben ihnen Masten und Schranken. Gefährlich weit beugt sich der Blick in die Ferne, doch verliert er nicht den Kopf, während der Zug langsam den Bahnhof verlässt.

Eine rote Mohnblume wartet vergeblich im Kiesbett der Bahngleise. Man hat sie dort alleine gelassen. Ein braunes Wohnmobil hängt verlassen in den Hügeln. Sein Besitzer ist längst verschwunden. Ein einsames Haus steht allein an einem See. Die Straße, die zu ihm führt, ist asphaltiert. Kein Mensch ist zu sehen, dennoch scheint es bewohnt zu sein. Das gelbe Auto in der Einfahrt leuchtet selbstgenügsam. Die Häuser werden weniger; sanfte Hänge liegen nun nackt da. In B.. grüßt der Bahnhofswärter den vorbeifahrenden Zug. Sein Hund liegt einige Schritte von ihm entfernt im Schatten eines Baumes. Seine Frau steht hinter ihm in der Tür des Bahnhofsgebäudes, das ihnen auch als Wohnung dient. Die Kinder sind längst ausgezogen und haben ihrerseits Familien gegründet. Ihr Leben hat sich längst nach dem Fahrplan gerichtet. Die Schienen laufen eine Zeit lang parallel zu einer Straße, auf der ein Lieferwagen fährt. Er bildet für einen kurzen Moment mit dem Zug in stillem Einvernehmen einen Konvoi. Ein dutzend Bohlen liegt am Schienenrand, wie geschlagene Baumstämme lose gestapelt. Ob sie noch zum Bau neuer Schienen benutzt werden? Die Vegetation wird abwechslungsreicher, Nadelbäume tauchen auf und Buschrosen zeigen ihre Blüten. Ein Schwarm schwarzer Krähen begleitet den Zug ein Stück im Flug. Er dreht ab, als in einiger Entfernung zu den Gleisen ein Tunnel auftaucht, der aussieht wie der Eingang zu einer alten Mine, die den Krähen als zuhause dient. Dunkle Häuser schließen sich zu kleinen Ortschaften zusammen. Ihre Bewohner bearbeiten die angrenzenden Felder ohne Maschinen, höchstens ein Gaul geht ihnen zur Hand. In fast jedem Dorf, mag es auch noch so klein sein, findet sich eine Kirche, die weit sichtbar aus ihm hinausragt. Skelette aus Beton und Stahl bilden die anatomischen Grundrisse von Industrieanlagen, an denen das Fleisch noch fehlt und immer fehlen wird. Ein saftig grüner Hang wird von einem alten, pilzbewachsenen Baum bewacht. Seine morschen Zweige bieten Käfern und Larven Schutz vor den kreisenden Vögeln. Ein anderer Hang, weniger grün, steigt langsam an, während wellenförmige Linien kleine Plateaus in ihn einzeichnen. Eine Rinderherde drängt sich um eine Tränke, die auf offenen Feld steht. Es gibt keine Zäune und keine Hirten, die sie bewachen. Erdig braune und grüne Flächen laufen nebeneinander wie Farben auf einer Flagge. Andernorts sammeln sich Schutt, Geröll und Müll in einer Mulde. Ein gepflügtes und gezackertes Feld ist von hellen Flecken überzogen, die aussehen wie das Licht der Abendsonne. Doch der Himmel ist vollständig von grauen Wolken bedeckt und es gibt keinen Schatten mehr in diesen langen Abendstunden.

Warten, ständiges Warten auf das Ende der Stille und auf die zündende Idee, die Feuer legt, um diese zu sprengen. Wie kaltes Wasser oder feiner Sand schmiegt sie sich unerbittlich in die Freiräume, sie rinnt durch die Spalten und tropft von dort weiter in die Tiefe. Alles verliert sich in der Ferne zu dem einen Fluchtpunkt. Der Strom der Stille wälzt sich träge dahin, von Stadt zu Stadt, über Ländergrenzen hinweg, bis er in den großen Tiegeln der Metropolen zergeht, sich auflöst und sich wieder neu zusammen setzt. Dort flattern wieder die Zeitungen in des Windes Atem und eine sprachlose Lautsprecherstimme verkündet die baldige Ankunft eines Zuges. Die Menschen rappeln sich erwartungsvoll auf, werfen ihre Zigaretten in den Schmutz und heben die Hand an die Stirn, um nicht von der tief stehenden Abendsonne geblendet zu werden, während sie bangend in die Ferne blicken. Im satten Licht glitzert verheißungsvoll ein Fenster, das sich Stück für Stück nähert bis sich die Türen endlich öffnen und ich den Zug zu dir verlasse.

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