SPD: Viele Fragezeichen in der Bildungspolitik

Für die SPD ist die Bildung, so entnimmt man ihrer Website, der Schlüssel zur Freiheit und zur Selbstverwirklichung eines jeden Menschen. Doch welche Annahmen stehen hinter diesen poetischen Ausdrücken? Der Verdacht liegt nahe, dass man dabei von einem äußerst uniformen Menschenbild ausgeht. Einem Menschenbild, in dem ein jeder die gleichen Bedürfnisse und Ziele hat: Status, Einkommen und sozialer Aufstieg. Oder man missversteht in der SPD gar den Begriff des „Bildungserfolges“, der an vielen Stellen auftaucht und den es immer wieder sicherzustellen gilt. Denn die einzige Antwort, die man auf das Wie der guten Bildung geben kann, ist monetär. Damit will man bestehende Hindernisse im Zugang zur Bildung aus dem Weg räumen und für alle Menschen den Bildungserfolg ermöglichen. Die Chancengleichheit steht an oberster Stelle, doch wann waren die Chancen je gleich? Was muss man tun, damit eines von fünf Kindern aus einer Arbeiterfamilie in Sachsen die gleichen Chancen hat, wie ein Einzelkind aus einer Professorenfamilie aus Heidelberg oder München? Ein nobles Ziel, das man da verfolgt, aber wie berechtigt und aktuell ist es wirklich? Warum kann der Bildungserfolg nur an einer Hochschule, also mit dem höchsten Abschluss, erreicht werden? Warum kann der Bildungserfolg für manche nicht schon früher eintreten? Ist es für eine/n Jugendliche/n aus einer klassischen SPD – Arbeiterfamilie, in der noch niemand eine Universität besucht hat, nicht erstrebenswert, in einem Betrieb in der Nähe der Familie zu arbeiten und zu wissen, dass dort das Einkommen garantiert wird? Und sogar noch die Rente? Diese späte Sicherheit im Arbeitsleben, ist sie nicht auch durch die Bildung vorbedingt und somit ein Teil des Bildungserfolges? Oder ist es erstrebenswerter, wenn auf Biegen und Brechen an einer Fachhochschule studiert wird, um dann in einem prekären Arbeitsverhältnis zu landen, mit befristeten Verträgen bis man 40 ist? Noch dazu die Verschuldung, die (selbst) durch das Bafög entsteht. Kann man nicht für einzelne Milieus ideale Karrierewege ausmachen, die ihrerseits im Interesse der Milieus sind? Ist der Bildungserfolg womöglich doch etwas anderes, als die Anschlussfähigkeit von bildungsferneren Milieus?

Eine tragende Rolle in der aktuellen Bildungspolitik spielt der Hochschulpakt, der bereits 2007 vom Kabinett Merkel I (unter Mitregieren der SPD) verabschiedet wurde. Mit dem Hochschulpakt versuchte man damals Lösungen für einen erwarteten starken Anstieg der Studierendenzahlen zu finden. Weil es zu einer Doppelung der Abiturjahrgänge in zahlreichen Bundesländern kam, mussten neue Studienplätze geschaffen werden und bestehende Kapazitäten erweitert werden. Die Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre wurde zuvor ebenfalls entschieden; es handelt sich also um ein hausgemachtes Problem. Der Hochschulpakt hat dann für einen nachhaltigen Strukturwandel in der akademischen Welt gesorgt. Seine Ziele waren unter anderem die Entwicklung neuer Studienprogramme im Sinne einer Steigerung des Angebots, eine Verbesserung der räumlichen Infrastruktur der Hochschulen, eine Anwerbung von Personal, eine Umverteilung von west- und ostdeutschen Studiumsanfängern/innen und eine Verbesserung des Lebensumfeldes von Studierenden. Er hat, auch wenn er in erster Linie Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaft betraf, doch auch die Universitäten verändert. Mit ihm wurde der Weg in die „Bildungsinflation“ begonnen und bis heute hat sich daran nichts geändert.
Doch was kann man unter der Bildungsinflation verstehen? Wenn mehr als 50% der Abiturienten ein Studium an einer Hochschule beginnen und auch Fachabiturienten an Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaft studieren, dann führt das unmittelbar zu einer Entwertung der Abschlüsse. Wenn auf dem Arbeitsmarkt 30% der Bewerber einen Bachelor haben, dann verliert dieser Abschluss ein Stück weit seine Aussagekraft über die Qualitäten des Bewerbers. Andersherum: Je leichter es ist, etwas zu bekommen, desto austauschbarer wird es. Arbeitgeber werden andere Dinge in den Blick nehmen, zumal sie sich über die Defizite der Notenvergabe bewusst sind. Was dann zählt, sind Praxiserfahrung, Kontakte, Sprachkenntnisse, also all das, was Studierende außerhalb ihres Curriculum erwerben. Und es sind eben auch Dinge, die nicht jedem offen stehen. Außerhalb des Campus ist es vorbei mit der Chancengleichheit, denn wie viel schwerer ist es für das oben genannte Arbeiterkind ein Auslandssemester zu machen, wie viel schwerer der Spracherwerb, wenn in der Familie niemand Englisch spricht? Wie ist es dann um die Chancengleichheit bestellt?
Was natürlich nie gerne gehört ist, was es aber dennoch zu beachten gibt, ist die Perspektive der bildungsnahen Milieus. Für sie hat sich das universitäre Leben ebenfalls erschwert und für ihre Probleme sind keine Lösungen in Sicht. Wie soll man mit der steigenden Auslastung der Universitäten umgehen? Wie kann weiterhin die Qualität der Lehre sichergestellt werden, auch wenn sich die Betreuungsrelation verschlechtert? Verlieren nicht die Intelligentesten die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten voll auszuleben?

Der Hochschulpakt untergräbt sich also selbst. Indem man versucht hat, möglichst vielen Jugendlichen eine Teilhabe am Hochschulwesen zu ermöglichen, hat man das Hochschulwesen abgewertet und damit vielen Jugendlichen einen akademischen Lebensweg aufgegeben, den sie so vielleicht nie wollten. Andern Orts beklagt man den Fachkräftemangel und wirbt für ausländische Arbeitskräfte, die das deutsche Pflegesystem, die Krankenhäuser, Landwirtschaft und Handwerk bitte entlasten sollen. Gerade im Zusammenhang mit Corona hat sich gezeigt, dass ein Großteil dieser Arbeitskräfte unter untragbaren Bedingungen lebt und arbeitet, Arbeitskräfte die aus dem europäischen Ausland kommen und dementsprechend auch nicht anders behandelt werden sollten, als deutsche Staatsbürger/innen. Doch der Arbeitsmarkt ist durch einen immanenten Nationalismus bestimmt und man hat keine Skrupel, diese Menschen in Containerlagern schlafen zu lassen, nachdem sie zuvor 10 oder 12 Stunden die Drecksarbeit gemacht haben. Man stelle sich einen deutschen Abiturienten in solch einer Situation vor. Ein weiteres Fragezeichen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: