Stolpersteine

I
Dunkel die Straßen und nass das Gestein. Seine Lederschuhe fliegen über das Pflaster, auf dem sich die Schaufensterlichte der Geschäfte spiegeln. Die Töne, die von den Absätzen geschlagen werden, stürzen die sonst so belebte Einkaufsstraße in noch größere Leere. Widerstandslos verhallen sie in der Nacht. Noch ein Schritt, noch einer und noch ein schnellerer, doch da bleibt die Schuhspitze hängen am Gestein – die Hüfte fliegt weiter durch die Luft nach vorn, schon droht sie zu kippen. Er stürzt der Länge nach und weil die Hand den Schirm umklammert hält kann sie nicht bremsen, kann seinen Sturz nicht fangen. Da spürt er das Pflaster an der Wange kleben. Überraschung steigt empor und rotes Blut fließt hinab, wärmt die kühle Stelle. Schnell das Tuch, damit nicht noch mehr kostbares verloren geht.

II
Seltsames Gestein, das da so uneigennützig den Wanderer hemmt, das seinen Schritt stoppt und seinen Körper fällt. Hat wohl einen Namen, der Genosse da unten, wie er so unschuldig aus der Menge hervorblickt. Hat wohl doch keinen Namen, ist nur einer von vielen und gefällt sich gut in seiner Anonymität. Doch da, sein nächster Nachbar, vielleicht kann man ihn fragen, vielleicht hat er gesehen, was sich hier zugetragen hat, ist immerhin aus Gold, mit einer Gravur versehen und scheint von vorn bis hinten verlässlich. Wohnt und sieht schon länger, was sich hier begibt, ist Zeuge vieler Tage, vieler Nächte und nun auch dieses Anschlags.

III
Donnerschläge hallen durch die Straße. Kreischen tönt hinaus, dumpfe Schreie dringen von Innen an sein Ohr. Ob es noch länger das Richtige ist, hier so zu verfahren? Es scheint sich wohl einiger Protest gegen seine Aktion zu formen. Während ein kurzer Zweifel an ihm nagt, ist es schon zu spät für eine Rückkehr geworden. Wieder Donner. Grelle Blitze sprengen Fensterscheiben und sprengen Trümmer aus der Stadt. Gleich wird hier nicht mehr viel sein, bloß graue Leere, die einem den Atem rauben wird. Doch daran kann er jetzt nicht denken, jetzt ist er zu beschäftigt mit seinem Werk. Zwischen den Donnerschlägen bemerkt er vor dem Haus einen Stein, dann noch einen und noch einen. Wie nichtig sie daliegen, jeder für sich ein unbedeutender Teil der Masse – wie wir Menschen – zuckt es durch seinen Kopf. Doch da liegt einer, der aus der Reihe tanzt. Fast schon stolz ragt er aus der Masse empor. Golden leuchtet er und trotzt den Blitzen, dem Donner und dem Blick, der ihn so durchdringend ansieht und sein Verschwinden wünscht. Da geht er hin zu dem Stein, um zu sehen was sich da verbirgt, bückt sich um zu lesen und der Schrei von Innen verstummt.

IV
Gut gelaunt betritt er das Café. „Guten Morgen“ grüßt der Wirt, „wie immer?“ – „Wie immer!“, antwortet er lächelnd und nimmt sich wie auch sonst die Tageszeitung vom Stapel. Von der Titelseite blicken ihn Beamte mit Pistolen an. An anderen Tagen ein freundschaftlicher Wangenkuss von zwei Regierungsoberhäuptern, ein brennendes Schiff oder eine Naturlandschaft, doch heute nicht. Der Blick der Beamten trifft ihn. „Schrecklich, am liebsten würde ich auswandern“, sagt jemand beiläufig. Die Stimme tönt dumpf durch den Nebel, der sich plötzlich über diesen sonst so schönen Morgen gelegt hat. „Das Schwein! Das hätte nie passieren dürfen! Zum Glück hat man ihn kaltgemacht“, mischt sich ein anderer Gast ein, der hier jeden Morgen sein Frühstück zu sich nimmt. Alle scheinen schon längst zu wissen, was gerade langsam in sein Bewusstsein zu sickern beginnt. Er denkt an den Donner, wie er durch die Straßen knallte und zuckt zusammen. Der Wirt bringt ihm den dampfenden Kaffee, schwarz wie immer. Ohne ein Wort des Dankes und ohne einen Schluck zu nehmen steht er von seinem Platz auf und geht nach draußen. Dort nur die goldene Herbstsonne, die böse lacht.

V
Ein goldenes Licht dringt durch die Scheiben des Wirtshauses hinaus in die dunkle Nacht. Vor dem Gebäude ein Stein. Quietschend schwingt die Tür nach Innen und mit einem dumpfen Schlag treten seine Stiefel in die Stube. An den Wänden hängen schwarz – weiß – Fotografien von lokalen Berühmtheiten, die meisten von ihnen schon lange tot. Fußballtrainer, Stammgäste, Komiker und Musiker, sie alle haben ihren Weg an die braune Holzwand gefunden. Die füllige Wirtin trägt zwei Teller dampfender Suppe an ihm vorbei. „Gunn Owed“, grüßt sie, nachdem sie die Teller serviert hat. „Wie laaft’s?“ – „Ajo, du weesch doch, schlechte Leut‘ geht’s immer gut.“ – „Das freit mich, Pils wie immer?“ – „Joo. Danke.“ sagt er müde und geht gemächlich zu dem Tisch, an dem seine Kollegen schon sitzen. „Ahh Servus“ schallt es ihm entgegen. Die Zecher lachen ausgelassen, auf ihren Bierdeckeln schon etliche Striche. Eine Platte mit geschnittener Wurst, Tomaten, Radieschen, Essiggurken und rohem Schinken steht in der Mitte des Tisches. „Heut schon Zeitung geles‘?“, fragt ihn einer zwischen zwei Schlucken Bier. „Äh.. Nein“ – „Dann guck‘ dir das da mal an!“ Mit einer genüsslichen Geste holt er langsamer als nötig einen Zeitungsausschnitt aus seiner Brusttasche hervor. Stolz zittert seine Stimme: „Das ist von heut‘. Ich hab’s extra ausgeschnitt‘, vielleicht kleb‘ ich es a‘ noch in e klenner Rahme.“ Seine Hände falten das Blatt auseinander. Beamte mit Pistolen blicken ihn an. Er nimmt den Artikel entgegen, es ist die Titelseite von heute, kein Zweifel. Als er die Bildunterschrift liest, verlieren seine Hände ihre Spannung, das Papier rutscht ihm zwischen den Fingern hindurch und taucht mit einer Ecke in eine Bierpfütze, die sich auf dem Tisch gebildet hatte. „Ahh! Uffbasse!“, ruft der fleißige Sammler und zieht ihm das Papier schnell wieder aus den Händen. Da bricht ein Gewitter los. „Jetzt hann‘ se endlich bekomm‘, was se verdiene!“ – „Das passiert, wenn ma es Maul nedd voll krieht!“ – „Das do wurd‘ aber auch nochmol Zeit!“ – sein Bewusstsein zieht sich in sich zurück, die Stimmen rücken in immer weitere Ferne. Je weiter weg sie sind, desto größer wird seine Abneigung gegen diese Tischgesellschaft, gegen diesen Ort, das kühle Bier und die frische Wurst und die Menschen, die hier so unbeschwert lobpreisen. „Schad‘ dass se ne erwischt hann.“ – bei diesen Worten steigt die Wut in ihm hoch, doch nicht hoch genug, als dass er über den Tisch auf den Sprecher springt und ihm mit seinen Fäusten das Gesicht zertrümmert, nein, sie bleibt stumm, stattdessen schießt er aus dem Stuhl, der nach hinten auf den Boden kippt, und stürzt an der Wirtin vorbei zur Tür. Draußen der kühle Abend, doch heiße Luft und heißes Blut sind in ihm. Er fällt auf die Knie, vieles ist mit einem Mal vorbei, sein Leben noch nicht, aber fast. Nie wieder wird er an diesen Ort kommen können, weil er jetzt weiß, welcher Geist hier wohnt. Als er die Hände vom Gesicht nimmt, sieht er vor seinem rechten Knie einen goldenen Stein, quadratisch, graviert, und er liest.

VI
Er betritt das Büro, die Jacke ist schnell verstaut, doch da steht schon sein Chef vor ihm, grimmig, wohl mit wenig Schlaf und vielen Sorgen. „Sie haben die Zeitung gelesen?“, direkt weiß er, was gemeint gemeint ist. Die Eilmeldung von heute Morgen, die Kollegen aus der anderen Stadt mit den Pistolen in ihren Händen. Das Titelbild setzt sich vor seinen Augen neu zusammen und ein verhaltenes „Ja“ findet seinen Weg über seine Lippen. „Wir haben jetzt Order von ganz oben bekommen. Es gibt Listen mit Namen und Adressen. Da müssen wir jetzt hin, müssen überprüfen, ob sie davon wussten. Wahrscheinlich hat keiner was gesehen, dann müssen wir trotzdem sichergehen, dass so eine Scheiße bei uns nicht auch noch passiert. Fuck! Die Kollegen drüben sind übel dran, es laufen jetzt schon interne Ermittlungen. Außer Ihnen habe ich noch drei andere Kollegen beauftragt. Die denken alle, ich habe sie allein beschäftigt. Sie sind der Einzige, dem ich ein paar mehr Details anvertrauen möchte. Versuchen Sie zu verhindern, dass die Untersuchung jetzt große Aufmerksamkeit erregt. Hier in der Mappe finden Sie das Nötigste – und zögern Sie nicht mich zu fragen, falls sie Hilfe brauchen sollten.“ Er nahm stumm die Befehle, nahm die Mappe und setzte sich an seinen Tisch. Kein Morgen wie jeder andere – und was sich da als Konsequenz der Ereignisse am Horizont abzeichnete war vielleicht noch größer als das Ereignis selbst. Eine Ära des Misstrauens und der Anschuldigung kündigte sich mit grauen Herbstwolken an, die vor dem Fenster vorbeitrieben.

VII
Abends liegt er dann neben ihr im gemeinsamen Bett. Seine Gedanken dämmern vor sich hin, doch neben ihm scheint sie noch wach zu sein. Auf der Straße hört man Stimmen, wahrscheinlich Gäste des Wettbüros, das sich direkt unter ihrer Wohnung befindet. Die Stimmen werden leiser, wohl doch nur Passanten. Geräuschvoll schließt sie das Buch. Wer mit den Wölfen heult, wird selber einer. Er ist stolz auf ihren guten Geschmack. Sie freut sich immer über ein gutes Buch. „Weißt du, mich lässt diese Geschichte einfach nicht los. Das so etwas immer noch passieren kann, nach so langer Zeit.“ – „Du meinst diese Scheiße“ – „Ja, genau diese Scheiße!“, unterbricht sie ihn „Ich dachte wir hätten das Thema überwunden.“ Seine Gedanken sind immer noch nicht erwacht, wie sollten sie auch, nach neun Stunden Arbeit im Büro fühlt sich sein Kopf an, wie in Watte gepackt. Neun Stunden das Tackern der Tastatur, das Flimmern des Bildschirms und die schwül – warme Luft. Dann die Kollegen, immer auf höflicher Distanz und nie bereit, das Professionelle hinter sich zu lassen. Ein Markt der Informationen – wer sich preisgibt, der verliert. „Jetzt sag doch mal etwas! Oder ist es dir egal, dass da draußen immer noch Menschen sterben? Aus Gründen, die keine sind? Weil sie gerne Gedanken denken, die anderen nicht passen.“ – „Ja, du hast ja recht, das muss wirklich nicht sein“, erwidert er lasch, er versucht sich in einem Bekenntnis „Das gefährdet unsere Demokratie, wenn man nicht mehr denken und sagen darf, was man möchte.“ – „Weißt du, wie du redest? Wie ein beschissener Biedermeier. Wie kann dir so etwas nur so egal sein?“ und demonstrativ öffnet sie wieder das Buch. Wer mit den Wölfen heult, wird selber einer. Und wer garnicht erst heult? Kann der dann trotzdem Wolf sein? Wohl kaum. Er dreht sich auf die Seite und schließt die Augen. Morgen wieder neun Stunden im Büro, wieder keine Zeit für sie, die da neben ihm liest. Er zuckt kurz zusammen, als er sich den Donner vorstellt.

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