Stolpersteine

I
Dunkel die Straßen und nass das Gestein. Seine Lederschuhe fliegen über das Pflaster, auf dem sich die Schaufensterlichte der Geschäfte spiegeln. Die Töne, die von den Absätzen geschlagen werden, stürzen die sonst so belebte Einkaufsstraße in noch größere Leere. Widerstandslos verhallen sie in der Nacht. Noch ein Schritt, noch einer und noch ein schnellerer, doch da bleibt die Schuhspitze hängen am Gestein – die Hüfte fliegt weiter durch die Luft nach vorn, schon droht sie zu kippen. Er stürzt der Länge nach und weil die Hand den Schirm umklammert hält kann sie nicht bremsen, kann seinen Sturz nicht fangen. Da spürt er das Pflaster an der Wange kleben. Überraschung steigt empor und rotes Blut fließt hinab, wärmt die kühle Stelle. Schnell das Tuch, damit nicht noch mehr kostbares verloren geht.

II
Seltsames Gestein, das da so uneigennützig den Wanderer hemmt, das seinen Schritt stoppt und seinen Körper fällt. Hat wohl einen Namen, der Genosse da unten, wie er so unschuldig aus der Menge hervorblickt. Hat wohl doch keinen Namen, ist nur einer von vielen und gefällt sich gut in seiner Anonymität. Doch da, sein nächster Nachbar, vielleicht kann man ihn fragen, vielleicht hat er gesehen, was sich hier zugetragen hat, ist immerhin aus Gold, mit einer Gravur versehen und scheint von vorn bis hinten verlässlich. Wohnt und sieht schon länger, was sich hier begibt, ist Zeuge vieler Tage, vieler Nächte und nun auch dieses Anschlags.

III
Donnerschläge hallen durch die Straße. Kreischen tönt hinaus, dumpfe Schreie dringen von Innen an sein Ohr. Ob es noch länger das Richtige ist, hier so zu verfahren? Es scheint sich wohl einiger Protest gegen seine Aktion zu formen. Während ein kurzer Zweifel an ihm nagt, ist es schon zu spät für eine Rückkehr geworden. Wieder Donner. Grelle Blitze sprengen Fensterscheiben und sprengen Trümmer aus der Stadt. Gleich wird hier nicht mehr viel sein, bloß graue Leere, die einem den Atem rauben wird. Doch daran kann er jetzt nicht denken, jetzt ist er zu beschäftigt mit seinem Werk. Zwischen den Donnerschlägen bemerkt er vor dem Haus einen Stein, dann noch einen und noch einen. Wie nichtig sie daliegen, jeder für sich ein unbedeutender Teil der Masse – wie wir Menschen – zuckt es durch seinen Kopf. Doch da liegt einer, der aus der Reihe tanzt. Fast schon stolz ragt er aus der Masse empor. Golden leuchtet er und trotzt den Blitzen, dem Donner und dem Blick, der ihn so durchdringend ansieht und sein Verschwinden wünscht. Da geht er hin zu dem Stein, um zu sehen was sich da verbirgt, bückt sich um zu lesen und der Schrei von Innen verstummt.

IV
Gut gelaunt betritt er das Café. „Guten Morgen“ grüßt der Wirt, „wie immer?“ – „Wie immer!“, antwortet er lächelnd und nimmt sich wie auch sonst die Tageszeitung vom Stapel. Von der Titelseite blicken ihn Beamte mit Pistolen an. An anderen Tagen ein freundschaftlicher Wangenkuss von zwei Regierungsoberhäuptern, ein brennendes Schiff oder eine Naturlandschaft, doch heute nicht. Der Blick der Beamten trifft ihn. „Schrecklich, am liebsten würde ich auswandern“, sagt jemand beiläufig. Die Stimme tönt dumpf durch den Nebel, der sich plötzlich über diesen sonst so schönen Morgen gelegt hat. „Das Schwein! Das hätte nie passieren dürfen! Zum Glück hat man ihn kaltgemacht“, mischt sich ein anderer Gast ein, der hier jeden Morgen sein Frühstück zu sich nimmt. Alle scheinen schon längst zu wissen, was gerade langsam in sein Bewusstsein zu sickern beginnt. Er denkt an den Donner, wie er durch die Straßen knallte und zuckt zusammen. Der Wirt bringt ihm den dampfenden Kaffee, schwarz wie immer. Ohne ein Wort des Dankes und ohne einen Schluck zu nehmen steht er von seinem Platz auf und geht nach draußen. Dort nur die goldene Herbstsonne, die böse lacht.

V
Ein goldenes Licht dringt durch die Scheiben des Wirtshauses hinaus in die dunkle Nacht. Vor dem Gebäude ein Stein. Quietschend schwingt die Tür nach Innen und mit einem dumpfen Schlag treten seine Stiefel in die Stube. An den Wänden hängen schwarz – weiß – Fotografien von lokalen Berühmtheiten, die meisten von ihnen schon lange tot. Fußballtrainer, Stammgäste, Komiker und Musiker, sie alle haben ihren Weg an die braune Holzwand gefunden. Die füllige Wirtin trägt zwei Teller dampfender Suppe an ihm vorbei. „Gunn Owed“, grüßt sie, nachdem sie die Teller serviert hat. „Wie laaft’s?“ – „Ajo, du weesch doch, schlechte Leut‘ geht’s immer gut.“ – „Das freit mich, Pils wie immer?“ – „Joo. Danke.“ sagt er müde und geht gemächlich zu dem Tisch, an dem seine Kollegen schon sitzen. „Ahh Servus“ schallt es ihm entgegen. Die Zecher lachen ausgelassen, auf ihren Bierdeckeln schon etliche Striche. Eine Platte mit geschnittener Wurst, Tomaten, Radieschen, Essiggurken und rohem Schinken steht in der Mitte des Tisches. „Heut schon Zeitung geles‘?“, fragt ihn einer zwischen zwei Schlucken Bier. „Äh.. Nein“ – „Dann guck‘ dir das da mal an!“ Mit einer genüsslichen Geste holt er langsamer als nötig einen Zeitungsausschnitt aus seiner Brusttasche hervor. Stolz zittert seine Stimme: „Das ist von heut‘. Ich hab’s extra ausgeschnitt‘, vielleicht kleb‘ ich es a‘ noch in e klenner Rahme.“ Seine Hände falten das Blatt auseinander. Beamte mit Pistolen blicken ihn an. Er nimmt den Artikel entgegen, es ist die Titelseite von heute, kein Zweifel. Als er die Bildunterschrift liest, verlieren seine Hände ihre Spannung, das Papier rutscht ihm zwischen den Fingern hindurch und taucht mit einer Ecke in eine Bierpfütze, die sich auf dem Tisch gebildet hatte. „Ahh! Uffbasse!“, ruft der fleißige Sammler und zieht ihm das Papier schnell wieder aus den Händen. Da bricht ein Gewitter los. „Jetzt hann‘ se endlich bekomm‘, was se verdiene!“ – „Das passiert, wenn ma es Maul nedd voll krieht!“ – „Das do wurd‘ aber auch nochmol Zeit!“ – sein Bewusstsein zieht sich in sich zurück, die Stimmen rücken in immer weitere Ferne. Je weiter weg sie sind, desto größer wird seine Abneigung gegen diese Tischgesellschaft, gegen diesen Ort, das kühle Bier und die frische Wurst und die Menschen, die hier so unbeschwert lobpreisen. „Schad‘ dass se ne erwischt hann.“ – bei diesen Worten steigt die Wut in ihm hoch, doch nicht hoch genug, als dass er über den Tisch auf den Sprecher springt und ihm mit seinen Fäusten das Gesicht zertrümmert, nein, sie bleibt stumm, stattdessen schießt er aus dem Stuhl, der nach hinten auf den Boden kippt, und stürzt an der Wirtin vorbei zur Tür. Draußen der kühle Abend, doch heiße Luft und heißes Blut sind in ihm. Er fällt auf die Knie, vieles ist mit einem Mal vorbei, sein Leben noch nicht, aber fast. Nie wieder wird er an diesen Ort kommen können, weil er jetzt weiß, welcher Geist hier wohnt. Als er die Hände vom Gesicht nimmt, sieht er vor seinem rechten Knie einen goldenen Stein, quadratisch, graviert, und er liest.

VI
Er betritt das Büro, die Jacke ist schnell verstaut, doch da steht schon sein Chef vor ihm, grimmig, wohl mit wenig Schlaf und vielen Sorgen. „Sie haben die Zeitung gelesen?“, direkt weiß er, was gemeint gemeint ist. Die Eilmeldung von heute Morgen, die Kollegen aus der anderen Stadt mit den Pistolen in ihren Händen. Das Titelbild setzt sich vor seinen Augen neu zusammen und ein verhaltenes „Ja“ findet seinen Weg über seine Lippen. „Wir haben jetzt Order von ganz oben bekommen. Es gibt Listen mit Namen und Adressen. Da müssen wir jetzt hin, müssen überprüfen, ob sie davon wussten. Wahrscheinlich hat keiner was gesehen, dann müssen wir trotzdem sichergehen, dass so eine Scheiße bei uns nicht auch noch passiert. Fuck! Die Kollegen drüben sind übel dran, es laufen jetzt schon interne Ermittlungen. Außer Ihnen habe ich noch drei andere Kollegen beauftragt. Die denken alle, ich habe sie allein beschäftigt. Sie sind der Einzige, dem ich ein paar mehr Details anvertrauen möchte. Versuchen Sie zu verhindern, dass die Untersuchung jetzt große Aufmerksamkeit erregt. Hier in der Mappe finden Sie das Nötigste – und zögern Sie nicht mich zu fragen, falls sie Hilfe brauchen sollten.“ Er nahm stumm die Befehle, nahm die Mappe und setzte sich an seinen Tisch. Kein Morgen wie jeder andere – und was sich da als Konsequenz der Ereignisse am Horizont abzeichnete war vielleicht noch größer als das Ereignis selbst. Eine Ära des Misstrauens und der Anschuldigung kündigte sich mit grauen Herbstwolken an, die vor dem Fenster vorbeitrieben.

VII
Abends liegt er dann neben ihr im gemeinsamen Bett. Seine Gedanken dämmern vor sich hin, doch neben ihm scheint sie noch wach zu sein. Auf der Straße hört man Stimmen, wahrscheinlich Gäste des Wettbüros, das sich direkt unter ihrer Wohnung befindet. Die Stimmen werden leiser, wohl doch nur Passanten. Geräuschvoll schließt sie das Buch. Wer mit den Wölfen heult, wird selber einer. Er ist stolz auf ihren guten Geschmack. Sie freut sich immer über ein gutes Buch. „Weißt du, mich lässt diese Geschichte einfach nicht los. Das so etwas immer noch passieren kann, nach so langer Zeit.“ – „Du meinst diese Scheiße“ – „Ja, genau diese Scheiße!“, unterbricht sie ihn „Ich dachte wir hätten das Thema überwunden.“ Seine Gedanken sind immer noch nicht erwacht, wie sollten sie auch, nach neun Stunden Arbeit im Büro fühlt sich sein Kopf an, wie in Watte gepackt. Neun Stunden das Tackern der Tastatur, das Flimmern des Bildschirms und die schwül – warme Luft. Dann die Kollegen, immer auf höflicher Distanz und nie bereit, das Professionelle hinter sich zu lassen. Ein Markt der Informationen – wer sich preisgibt, der verliert. „Jetzt sag doch mal etwas! Oder ist es dir egal, dass da draußen immer noch Menschen sterben? Aus Gründen, die keine sind? Weil sie gerne Gedanken denken, die anderen nicht passen.“ – „Ja, du hast ja recht, das muss wirklich nicht sein“, erwidert er lasch, er versucht sich in einem Bekenntnis „Das gefährdet unsere Demokratie, wenn man nicht mehr denken und sagen darf, was man möchte.“ – „Weißt du, wie du redest? Wie ein beschissener Biedermeier. Wie kann dir so etwas nur so egal sein?“ und demonstrativ öffnet sie wieder das Buch. Wer mit den Wölfen heult, wird selber einer. Und wer garnicht erst heult? Kann der dann trotzdem Wolf sein? Wohl kaum. Er dreht sich auf die Seite und schließt die Augen. Morgen wieder neun Stunden im Büro, wieder keine Zeit für sie, die da neben ihm liest. Er zuckt kurz zusammen, als er sich den Donner vorstellt.

SPD: Viele Fragezeichen in der Bildungspolitik

Für die SPD ist die Bildung, so entnimmt man ihrer Website, der Schlüssel zur Freiheit und zur Selbstverwirklichung eines jeden Menschen. Doch welche Annahmen stehen hinter diesen poetischen Ausdrücken? Der Verdacht liegt nahe, dass man dabei von einem äußerst uniformen Menschenbild ausgeht. Einem Menschenbild, in dem ein jeder die gleichen Bedürfnisse und Ziele hat: Status, Einkommen und sozialer Aufstieg. Oder man missversteht in der SPD gar den Begriff des „Bildungserfolges“, der an vielen Stellen auftaucht und den es immer wieder sicherzustellen gilt. Denn die einzige Antwort, die man auf das Wie der guten Bildung geben kann, ist monetär. Damit will man bestehende Hindernisse im Zugang zur Bildung aus dem Weg räumen und für alle Menschen den Bildungserfolg ermöglichen. Die Chancengleichheit steht an oberster Stelle, doch wann waren die Chancen je gleich? Was muss man tun, damit eines von fünf Kindern aus einer Arbeiterfamilie in Sachsen die gleichen Chancen hat, wie ein Einzelkind aus einer Professorenfamilie aus Heidelberg oder München? Ein nobles Ziel, das man da verfolgt, aber wie berechtigt und aktuell ist es wirklich? Warum kann der Bildungserfolg nur an einer Hochschule, also mit dem höchsten Abschluss, erreicht werden? Warum kann der Bildungserfolg für manche nicht schon früher eintreten? Ist es für eine/n Jugendliche/n aus einer klassischen SPD – Arbeiterfamilie, in der noch niemand eine Universität besucht hat, nicht erstrebenswert, in einem Betrieb in der Nähe der Familie zu arbeiten und zu wissen, dass dort das Einkommen garantiert wird? Und sogar noch die Rente? Diese späte Sicherheit im Arbeitsleben, ist sie nicht auch durch die Bildung vorbedingt und somit ein Teil des Bildungserfolges? Oder ist es erstrebenswerter, wenn auf Biegen und Brechen an einer Fachhochschule studiert wird, um dann in einem prekären Arbeitsverhältnis zu landen, mit befristeten Verträgen bis man 40 ist? Noch dazu die Verschuldung, die (selbst) durch das Bafög entsteht. Kann man nicht für einzelne Milieus ideale Karrierewege ausmachen, die ihrerseits im Interesse der Milieus sind? Ist der Bildungserfolg womöglich doch etwas anderes, als die Anschlussfähigkeit von bildungsferneren Milieus?

Eine tragende Rolle in der aktuellen Bildungspolitik spielt der Hochschulpakt, der bereits 2007 vom Kabinett Merkel I (unter Mitregieren der SPD) verabschiedet wurde. Mit dem Hochschulpakt versuchte man damals Lösungen für einen erwarteten starken Anstieg der Studierendenzahlen zu finden. Weil es zu einer Doppelung der Abiturjahrgänge in zahlreichen Bundesländern kam, mussten neue Studienplätze geschaffen werden und bestehende Kapazitäten erweitert werden. Die Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre wurde zuvor ebenfalls entschieden; es handelt sich also um ein hausgemachtes Problem. Der Hochschulpakt hat dann für einen nachhaltigen Strukturwandel in der akademischen Welt gesorgt. Seine Ziele waren unter anderem die Entwicklung neuer Studienprogramme im Sinne einer Steigerung des Angebots, eine Verbesserung der räumlichen Infrastruktur der Hochschulen, eine Anwerbung von Personal, eine Umverteilung von west- und ostdeutschen Studiumsanfängern/innen und eine Verbesserung des Lebensumfeldes von Studierenden. Er hat, auch wenn er in erster Linie Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaft betraf, doch auch die Universitäten verändert. Mit ihm wurde der Weg in die „Bildungsinflation“ begonnen und bis heute hat sich daran nichts geändert.
Doch was kann man unter der Bildungsinflation verstehen? Wenn mehr als 50% der Abiturienten ein Studium an einer Hochschule beginnen und auch Fachabiturienten an Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaft studieren, dann führt das unmittelbar zu einer Entwertung der Abschlüsse. Wenn auf dem Arbeitsmarkt 30% der Bewerber einen Bachelor haben, dann verliert dieser Abschluss ein Stück weit seine Aussagekraft über die Qualitäten des Bewerbers. Andersherum: Je leichter es ist, etwas zu bekommen, desto austauschbarer wird es. Arbeitgeber werden andere Dinge in den Blick nehmen, zumal sie sich über die Defizite der Notenvergabe bewusst sind. Was dann zählt, sind Praxiserfahrung, Kontakte, Sprachkenntnisse, also all das, was Studierende außerhalb ihres Curriculum erwerben. Und es sind eben auch Dinge, die nicht jedem offen stehen. Außerhalb des Campus ist es vorbei mit der Chancengleichheit, denn wie viel schwerer ist es für das oben genannte Arbeiterkind ein Auslandssemester zu machen, wie viel schwerer der Spracherwerb, wenn in der Familie niemand Englisch spricht? Wie ist es dann um die Chancengleichheit bestellt?
Was natürlich nie gerne gehört ist, was es aber dennoch zu beachten gibt, ist die Perspektive der bildungsnahen Milieus. Für sie hat sich das universitäre Leben ebenfalls erschwert und für ihre Probleme sind keine Lösungen in Sicht. Wie soll man mit der steigenden Auslastung der Universitäten umgehen? Wie kann weiterhin die Qualität der Lehre sichergestellt werden, auch wenn sich die Betreuungsrelation verschlechtert? Verlieren nicht die Intelligentesten die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten voll auszuleben?

Der Hochschulpakt untergräbt sich also selbst. Indem man versucht hat, möglichst vielen Jugendlichen eine Teilhabe am Hochschulwesen zu ermöglichen, hat man das Hochschulwesen abgewertet und damit vielen Jugendlichen einen akademischen Lebensweg aufgegeben, den sie so vielleicht nie wollten. Andern Orts beklagt man den Fachkräftemangel und wirbt für ausländische Arbeitskräfte, die das deutsche Pflegesystem, die Krankenhäuser, Landwirtschaft und Handwerk bitte entlasten sollen. Gerade im Zusammenhang mit Corona hat sich gezeigt, dass ein Großteil dieser Arbeitskräfte unter untragbaren Bedingungen lebt und arbeitet, Arbeitskräfte die aus dem europäischen Ausland kommen und dementsprechend auch nicht anders behandelt werden sollten, als deutsche Staatsbürger/innen. Doch der Arbeitsmarkt ist durch einen immanenten Nationalismus bestimmt und man hat keine Skrupel, diese Menschen in Containerlagern schlafen zu lassen, nachdem sie zuvor 10 oder 12 Stunden die Drecksarbeit gemacht haben. Man stelle sich einen deutschen Abiturienten in solch einer Situation vor. Ein weiteres Fragezeichen?

Ein Erklärungsversuch der Politikverdrossenheit: Die Folgen der französischen Revolution im 21. Jahrhundert

Da es heute in fast allen westlichen Gesellschaften einen beobachtbaren Rückgang in der Wahlbeteiligung gibt, sehen sich viele Politologen zu der Schlussfolgerung gedrängt, dass die Bürger das Vertrauen in das politische System verloren hätten und dass sie von den Wahlen und Politikern verdrossen seien. Und wenn die Untersuchung hier noch nicht stehen bleibt, dann fragt man sich oft, was denn getan werden müsste, um dem politischen System wieder zu neuem Ansehen zu verhelfen, wie man es wieder aufpolieren könnte, um damit die Wahlbeteiligung und damit auch die Legitimität der Gewählten zu steigern. Denn unsere Sicht auf das politische System ist geprägt von einem außerordentlichen Fokus auf Wahlen und Repräsentation. Die Erklärungsversuche der Politologen zielen, in Abhängigkeit von ihrer methodischen Grundanschauung, auf eine Erklärung der Politikverdrossen über die individuelle Persönlichkeit, sozioökonomische Merkmale, die Medienberichterstattung oder die Beschaffenheit des parteipolitischen Systems. Dieser Text soll hingegen versuchen einen anderen Erklärungsansatz zu entwickeln, der sich nicht auf die Beobachtung der letzten Wahlen und Wahljahre richtet, der sich nicht auf unterstellte rationale Überlegungen eines Homo Politicus bezieht und der sich nicht auf die Abfrage einiger Einstellungen unter den Bürgern begrenzt. Stattdessen werden politische Institutionen als Orte betrachtet, an denen individuelle Akteure um die Vorherrschaft ihrer Visionen und Meinungen kämpfen. Dabei ist das politische System kein hermetisch abgeschlossenes Feld, sondern es ist nach außen offen. Deshalb können Akteure anderer Felder, des ökonomischen zum Beispiel, auch einen Einfluss im politischen System geltend machen, ohne dass sie dessen Kerninstitutionen kontrollieren.

Heute besitzen alle Bürger in demokratischen westlichen Staaten zahlreiche Rechte, von denen ein Großteil sogenannte Freiheits- oder Abwehrrechte sind. Sie stellen die Freiheit der Bürger sicher, indem sie sie in ihrem Handeln und Leben vor unerlaubten Eingriffen des Staates schützen. Deswegen kann man sie auch negative Rechte nennen. Aus ihnen selbst folgt kein direkter Anspruch, eine rechtliche Position zu verwirklichen, aber sie erhalten ihre Kraft, wenn sich zuvor anderes Handeln (in dem Fall durch den Staat) verwirklicht hat. Zu dieser Art von Rechten gehören zum Beispiel die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, der Schutz des Eigentums und die Freiheit der Religionsausübung. Daneben existieren auch Gleichheitsrechte: so lautet Art. 3, I GG: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Das heißt in der Praxis, dass jede Diskrimierung auf Grund äußerlicher Eigenschaften wie Geschlecht und Hautfarbe im Staatshandeln zu unterbleiben hat. Denn die Menschen sind (nur) vor dem Gesetz gleich, aber sie sind weder gleich vor Gott noch vor einander. Der Geltungsbereich dieses Artikels begrenzt sich faktisch auf das Staatshandeln, auf die Arbeit von Exekutive, wozu auch die Polizei gehört, Legislative und Judikative, den Gerichten. Auch wenn es in allen Teilen des Staates Tendenzen und Verdachte gibt, dass die Gleichheit nicht uneingeschränkt gilt, zum Beispiel in Bezug auf die Rasterfahndung bei der Polizei oder den unterschiedlichen Ausgang von Gerichtsverfahren in Abhängigkeit von Herkunft und damit auch Ethnie, so ist der Staat a priori darum bemüht, jegliche Differenzierung und Diskrimierung zu unterlassen. Er hat sich diesen Grundsatz selbst in sein Programm eingeschrieben und ist daran gebunden. Außerhalb seines Einflussbereiches gelten die Rechte zwar noch fort, sind aber nichtmehr zu verwirklichen und zu kontrollieren. Ob ein Arbeitgeber sich auf Grund von betrieblichen oder rassischen Überlegungen gegen die Anstellung eines Arbeitnehmers entscheidet, kann nicht festgestellt werden und bleibt ein wohlgehütetes Geheimnis.

Historisch entstammen diese Freiheitsrechte aus dem Kampf der Bevölkerung gegen einen monarchistischen Staat. Mit einer Vielzahl von Befugnissen ausgestattet, lebte er eine Willkür an der Bevölkerung aus, die diese schließlich zum Widerstand reizte. Dieses gelebte Unrecht, der Widerspruch zwischen dem Selbstbild und der Darstellung des Adels und des Königs als etwas Göttlichem, Unfehlbarem und seiner Wahrnehmung durch die Bevölkerung als faul, untätig und inkompetent, kann als eine Ursache für die modernen Revolutionen, insbesondere die französische, genommen werden. Daneben spielten andere Faktoren auch eine bedeutende Rolle, der Revolution ging ein harter Winter voran, großer Hunger in der Bevölkerung und ein drohender Staatsbankrott schürten sowohl die Angst in der Bevölkerung und untergruben ihr Vertrauen in die Regierung weiter. Als 1789 alle etablierten Institutionen ins Wanken gerieten und schließlich in dem Moment ihr Gleichgewicht verloren, als die Leibgarde des Königs auf die Seite des Volkes wechselte, da war entschieden, dass das politische Feld von nun an von anderen Akteuren dominiert werden würde, die sich nicht auf Gottes Gnade und ihre Abstammung beriefen. Dieser Umschwung hielt jedoch nicht lange an, denn gerade einmal 15 Jahre später ließ Napoleon sich zum Kaiser krönen und besiegelte damit das Ende der Revolution und die Rückkehr zur alten Ordnung.
Diese Ordnung war in den ersten Tagen der Revolution der Punkt, von dem alles wegstrebte und es strebte unweigerlich in Richtung einer neuen Ordnung, einer Ordnung der Vernunft, unter der ein jeder freie und mündige Bürger das Recht haben sollte, über sein Geschick selbst zu bestimmen. Während der revolutionären Zeit war eines der obersten Ziele die Aufhebung der krassen Ungleichheit, die zwischen Staat und Bevölkerung existierte. Und als Ludwig XVI. öffentlich, vor den Augen des Volkes, enthauptet wurde, da wurde auch jedem klar, dass von nun an der Adel profan geworden sei, dass er seine Unfehlbarkeit verloren hatte. Zuvor hatten sich die Revolutionäre allerdings schon wieder in neue Zwänge verstrickt; zwar war man von Königtum, Adel und Kirche von nun an ein Stück freier, allerdings bezahlte man hierauf den Preis der Guillotine, die blutig regierte.

Die freigewordenen Plätze im politischen Feld, die durch die Entmachtung von Adel und König geschaffen wurden, wurden im Handumdrehen von den Revolutionären besetzt. Damit diese sich dort halten konnten, mussten extreme Gewaltmittel eingesetzt werden. Das Ideal, das alle Bürger gleichberechtigt an der Verabschiedung einer Verfassung mitwirken können, wurde Gegenstand der Idolatrie, die das Land ergriff. Und spätestens unter der Herrschaft von Robespierre musste es jedem Franzosen klargeworden sein, dass es hier nicht mehr um seine persönliche Möglichkeit zur Weltgestaltung ging, sondern nur noch um das nackte Überleben.

Die Freiheit war in ihren Anfängen, obwohl in der Theorie so gemeint, nicht die Freiheit der persönlichen Entwicklung und Entfaltung, sondern die Freiheit vor dem Staat und dem Gesetz. Unter den Eindrücken des Ancien Regime und der Autokratie Robespierres verlor sie allen Glanz der Idee und verkam zu einem Abwehrmittel gegenüber rücksichtslosen Herrschern. Der Staat, also die monopolisierte Gewalt und die Gesetze konzentrierten alle Macht und standen (und stehen nach wie vor) dem Bürger diametral gegenüber.

Jedoch, der Hintergedanke der ersten citoyens war die Möglichkeit zur Teilnahme an einer aktiven Gestaltung der Welt zu haben. Es ging dabei auch um die Entscheidung, wie gemeinschaftlich erworbene Mittel genutzt werden. Wer einen Beitrag zu ihrer Erwirtschaftung geleistet hatte, sollte auch ein Mitspracherecht erhalten, wenn es um ihre Verwendung ging. Es handelt sich um ein großes Missverständnis, wenn man die Errungenschaften der französischen Revolution als lediglich Emanzipationen vom Staat sieht. Denn diese ließen sie schnell wieder hinter sich. Vielmehr waren sie von der Idee der Emanzipation durch den Staat beflügelt, blieben aber vor diesem Ziel zurück. Es blieb ein theoretisches Ideal, dass ein jeder die Welt nach seinen Vorlieben mitgehalten könne. Die Menschenrechte bilden hierzu eine Voraussetzung, sagen aber noch nichts über den anschließenden sachlichen Diskurs und die Suche nach Kompromissen aus. Die Struktur des politischen Feldes muss sich dann noch finden. Die Bürger haben darauf seit der französischen Revolution ein mehr oder minder großes Mitspracherecht, solange es um die Zusammensetzung staatlicher Institutionen geht. Der Staat ist seinerseits geschrumpft und hat den Individuen mehr Platz gemacht, er ist weniger übergriffig und übt sich in stiller, zurückhaltender Wachsamkeit. Das heißt dann aber auch, dass das politische Feld in seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung geschrumpft ist. Allerdings konnte der Staat nicht, und das ist wahrscheinlich das schlimmste Erbe des Monarchismus, zu einem Ort werden, an dem sich gleiche und freie Bürger begegnen, um gemeinsam über die Geschicke der gemeinsamen Lebenswelt zu verhandeln. Indem sie den Staat und seine Institutionen besetzten, wollten sie ihn von der schändlichen monarchistischen Prägung befreien, um schließlich jedem Bürger einmal das Gefühl zu geben, dass auch er er König sei, ganz egal wie klein sein Einkommen auch sein möge.

Was heute das Problem ist, was immer mehr Menschen von einer Demokratie-verdrossenheit reden lässt, ist, dass staatliche Institutionen längst nicht mehr den Einfluss und die Macht haben, dieses ursprüngliche Versprechen wahr zu machen. Das politische Feld wird weniger wichtig. Wenn man sich vor einem Problem sieht, dann folgt aus der demokratischen Theorie: zur Beseitigung des Problems muss ein Gesetz erlassen werden, das den Sachverhalt anders regelt und somit das Problem verschwinden lässt. Um ein Gesetz zu erlassen, muss man eine Mehrheit in einer gesetzgebenden Versammlung erhalten, also lässt man sich dort entweder hineinwählen oder überzeugt bereits gewählte Mitglieder davon, sich dem Problem anzunehmen. Man überzeugt dann in einem rationalen Diskurs unter Beachtung der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte die Menschen um einen herum, dass das Gesetz notwendig und angemessen ist, womit man das ursprüngliche Problem lösen kann.

Wegen einer Zunahme der Bevölkerung und ihrer Dichte, nicht nur national, sind die anfangs erwähnten Felder und damit auch die Problemfelder immens gewachsen. Andererseits wird Politik immer noch nationalstaatlich gemacht, und so verringert sich die relative Größe des politischen Feldes. Das hat dazu geführt, dass individuelle Probleme nur in einem sehr großen Rahmen mit einer schier unüberschaubaren Anzahl an Akteuren und Interessen lösbar erscheinen. Durch die Vergrößerung der menschlichen Gemeinschaft wird gleichzeitig die Veränderung des eigenen Geschicks erschwert, was oft eine Mutlosigkeit und Apathie auslösen kann. Die demokratischen Institutionen haben längst nicht mehr den Einfluss, den sie vor zweihundert Jahren hatten, als man gerade den Geist der Monarchie aus ihnen getrieben hatte. Ihre Potenz hat stetig abgenommen und dennoch herrscht der Glaube vor, dass sie überaus potent sein müssten, da sie demokratisch legitimiert sind. Doch stehen ihnen Eigentumsverhältnisse und Kapitalakkumulationen, also andere gesellschaftliche Felder, entgegen, die eine Umsetzung des politischen Programmes erschweren. Deshalb haben es auch die meisten Parlamentarier vorgezogen, sich nicht länger auf ihr Gewissen zu verlassen, wie es ihnen durch das Grundgesetz erlaubt wird, sondern folgen stattdessen Parteiinteressen, kleinmütigen wirtschaftlichen Überlegungen oder schlicht der Mehrheit. Damit sorgen sie für eine stille Fortexistenz des politischen Feldes, das im gesellschaftlichen Maßstab paradoxer Wiese genau dann an Bedeutung verlor, als es für alle zugänglich gemacht wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass weniger Menschen ein Interesse daran haben, sich aktiv in die Politik einzubringen. Die Versprechen von einst sind ungehört verhallt – weder hat das politische Feld eine überragende Vormachtstellung errungen, noch sind alle Menschen gleich und der Staat ein Ort des Kompromisses.

Xenon – A short journey into Berlin’s electronic music scene


This week I had the very special opportunity to hang out with one of Berlin’s most innovative DJ and producer – the name is Xenon DnB. Behind this emblematic label, making reference to well – established musicians like Halogenix, hides a young man in his twenties. He moved to Berlin a few years ago to push through with his Drum and Bass music, but what he found in the German capital was the exact opposite of an expressive, self – conscious scene. Berlin was and is still dominated by Techno – Music and this conflict between the two scenes now directly takes place within Xenon’s heart. But before we can speak of how he is dealing with this struggle, let’s skip back to Tuesday.

Back then, Xenon picked me up in Mannheim, in the south west of Germany, to take me with him to Berlin. There we wanted to meet again a few times to get some interviews and shootings done. At the moment, he was returning from Saarbrücken, located in the very southwest of Germany, where he was born and raised. There he had the chance to buy several hundreds of Darktechno vinyls and he didn’t hesitate for a second. Still he is now based in Berlin, he has some very good and vital connections to the scene in Saarbrücken. He knows well record store owners, resident DJs and of course many ravers. For him, it is also the place where he could make his first experiences with rave culture and Drum and Bass music. Why Saarbrücken’s local Drum and Bass scene is that big remains a secret, but when Xenon started to visit clubs and rave parties there, most of all the club Mauerpfeiffer, offering a party series named Tiefklang, he had already the chance to already see DJs like DLR, DOSE or Disphonia. For him, it was more the personal level, where he found approval and a source of inspiration, than the music itself. The music they played was at time far away from his personal preferences. But he was mainly attracted by the scene itself, which showed him new horizons. Whether it was the feeling of sharing an experience, an evening or the feeling of belonging somewhere, he felt comfortable in between of the fog, the lasers, the ravers and the sound system. Also the social values transmitted between the people were appealing to him. It was not about being the best, having the best dance moves or tracks, it was about being there together, with no difference between DJs and Ravers. It was this small Utopia, where he got to know, like the most of us, a different model of how a society can work and which will never stop to exist in our minds.
On the other hand there was the local DJ scene of Saarbrücken, that always tried to keep up with the international DJ’s level. They played the warm – up sets in the evenings and built a framework for every party as important as the headliner itself. But Xenon realised quickly that he wouldn’t be able to reach this level while dreaming of better humans. So he quickly developed a vital interest in the music and his focus shifted from the whole event to a very particular aspect. It didn’t take him too long to get in touch with resident DJs and to start an exchange over the music. But also he had to realise that staying in Saarbrücken wouldn’t bring him to far and so he decided to go big. After he finished his school he spend another year to educate himself in composition and piano, before he moved to Berlin Lichtenberg to start there his studies on a well – respected high school for sound engineering, taking with him two things: the idea of Drum and Bass as a mainstream in the musical underground and the conviction that the dance floor is the place, where music is valued the most.

Now he is living in Friedrichshain, right in the center of Berlin’s avant-garde youth culture. He shares his flat with another DJ and Producer – the name is Mython. The two not only share a place for living but also the drive to create a new sound. For Xenon, one of Berlin’s most striking qualities is the city’s ability to innovate, to reinvent itself and to find practicable solutions to every problem. Those abilities can be found easily in his neighbourhood. People living there are not satisfied with already established products, styles and forms of living. Instead they are constantly trying to be different, to think differently and to act different. So it is evident, that Xenon is not satisfied with the existing Drum and Bass music. He doesn’t want to copy an already existing sound but to recreate it, while shaping it after his own idea. He told me, that he is somehow missing the leading attitude from the 90’s, or at least what he is dreaming it to be. Back then, music styles and producers were more open minded and always tried to combine different genres. The boarders in between were not to strict and in general Xenon imagines it to be a time of musical development and experiments.

His latest efforts in producing aim to unite Techno and Drum and Bass. What first sounds like a joke or a riddle is in fact nothing to smile about, because it is a young man’s passion. For Xenon the ultimate perfection lies in the synthesis of the two genres, that were, are and always will be in a battle over the hegemony in the electronic music scene. But he is not an illusionary man and he therefore is completely aware that this perfection can hardly be reached. Like a modern Dr. Faustus he has two souls in living inside of his heart and his music is the product of their battle. Whether it will finally be considered as a development of Techno or Drum and Bass remains unclear and it will be the audience who decides.

It was in Berlin where he had the first deeper contact with Techno music and the scene around it. Until he started an internship at the world famous Tresor Club, he was not really convinced by House or Minimal and he always felt a bit strange when other tunes than Drum and Bass were played. But in Tresor Club he got to know new people who were as open and as friendly as the people from the Drum and Bass scene. Also he developed a better understanding of Techno, which is, according to him more hypnotic and longer drawn then Drum and Bass. The music he discovered had a more driving sound, was harder and deeper than the one he knew from Saarbrücken. It’s aim is to tie the audience to the dance floor as long as possible, while Drum and Bass tries to create short moments of ecstasy. For him Techno has always a hidden meaning which points to the sadness and the awareness of the self destruction that most of the ravers necessarily have. And it is also the awareness that everything has to come to an end, no matter how good it was. The DJ has to express those emotions in his set and then must offer a way out for the audience.

After Xenon took those important lessons and tried himself in producing Techno, he realised that his home still is Drum and Bass music. The broken drum patterns are more fascinating to him than the stricter patterns in Techno. But still there is a fascination about it and so he tried to combine the two genres in the Track Berlin Techno at 170 together with his friend PRTCL. The positive responses gave him the motivation to follow this idea and when he then discovered Acid Techno he tried to convert the more aggressive, thrilling elements into Drum and Bass.

You can listen to the latest result of the transformation from Acid Techno to Drum and Bass on Xenon’s new EP Raving in Kreuzberg on the track I disobey therefore I am. The title itself already is a hint to the expectations that are put on a DJ to follow the giving qualities of a genre. In disobeying what people expect Drum and Bass to be, Xenon can truly discover himself.

Sometimes a coincidence seems fated, and so it’s not really a surprise that Xenon’s flatmate Mython has very similar ideas when it comes to Techno music. They both unite in the collective Humanoid, founded already in 2018, where they can channel their ideas when it comes to partying. Last year they could organise several parties, the first one in Humboldthain Club before they then moved to Fiese Remise. During my stay I was really lucky to meet up with Xenon and his fellas from Humanoid Dominika and Joe aka PRTCL. Dominika is the founder and head of Humanoid and the driving power behind the parties. She is responsible for the sculptures and artworks, giving the collective it’s recognition value. Joe, who is born and raised in London and lives in Berlin for a few years now, brings with him an uncompromising attitude towards being a musician. His actions clearly express a big self confidence towards this profession: We are artist, we do what we love and we do it now! So what is the problem?

Xenon definitely is a restless man. Right after the release of the EP Raving in Kreuzberg, he already thinks of his next publication, which will already appear online in a few weeks. He gave me a teaser of the new track, a very dirty breakbeat, which made me immediately think of a sweaty crowd going wild. After occupying himself with Drum and Bass for quite a long time, Xenon now feels interested in discovering other genres and music styles, laying right next to Drum and Bass. In the autumn there will then be some more releases, also on international labels.

So what was my final impression after this one week I spend with Xenon right in the centre of Berlin’s musical avant-garde? That he creates a futuristic sound? Yes, of course! That he is trying to deliver his sound directly to the people whenever it is possible? Yes, of course! That he is one of the truest musicians out there? Yes, of course! Or, how the vocals in the track This is my life are saying: “Basically I play my part in playing the records for the people. This is my life. I wake up in the morning, I eat, I sleep, I shit; Techno, House, the culture whatever it is, but I never shut it off for five minutes.” They could as well be directly recorded by Xenon himself.

Bahnfahrt

Mit einem schnellen, kräftigen Schritt steige ich in den dunklen Zug. In dem Abteil, das ich dann betrete, sitzt einsam ein älterer, mich nur flüchtig grüßender Herr, der in die Lektüre seiner Zeitung vertieft ist. Das Papier knistert zwischen seinen alten, von Zigaretten gelb verfärbten Finger. Ich lege mein Gepäck auf die dafür vorgesehene Ablage und öffne mit einem Quietschen das Fenster, vor dem du stehst. Ich blicke in deine feuchten, braunen Augen, vor denen einzelne Haarsträhnen treiben. Doch halte ich deinem Blick nicht lange stand, denn ich spüre schnell, wie sich meine Augen ebenfalls mit Tränen füllen und drehe meinen Kopf zur Seite.

Die Stille flimmert in der Ferne über dem Gleisbett. Der Wind streicht sanft über das Bahnhofsgelände, er hinterlässt keine Spuren, er bleibt geräuschlos. Eine Zeitung flattert in seinem regelmäßigen Atem, eine Tüte rutscht über den Boden und ein Hut hebt sich gefährlich weit – doch immer ist die Hand zur Stelle und verhindert sein Abheben. Neben den Schienen wachsen dünne Gräser in einem Meer aus Steinen, Zigarettenresten und Plastikfetzen. Der Wind schaukelt sie langsam in der Stille. Ihr Grün ist das einzig noch verbliebene Grün, ja fast die einzige Farbe auf dem ansonsten grau – braunen Gelände. Netzförmig ist hier alles angeordnet, nach Kriterien der ordnenden Vernunft angelegt und gebaut. Gänge und Überführungen stehen senkrecht zu Treppen und starke Metallstränge laufen parallel zu diesen, Kabelmassen verteilen sich am Boden und in der Luft. Kein Wort fällt in diese organisierte Stille.

Die Stimmen aus den Lautsprechern, die so regelmäßig ertönen, sprechen nicht – sie tönen dumpf im Wind und vermischen sich mit seinem Flüstern. Die ankommenden Züge rollen geräuschlos ein, während ihre Bremsen ohrenbetäubend kreischen. Nach dem Schwall ist die Stille noch größer, noch umgreifender und schwillt ihrerseits an, bis ihre Wellenberge brechen. Unter ihrem Druck splittern alle Gespräche entzwei. Wo nichts gesagt werden kann, sind alle Worte längst gesprochen. Die Schienen eilen zum Horizont und verlieren sich in den Wäldern und Siedlungen zu ihren Rändern. Über ihnen Kabel und Leitungen, neben ihnen Masten und Schranken. Gefährlich weit beugt sich der Blick in die Ferne, doch verliert er nicht den Kopf, während der Zug langsam den Bahnhof verlässt.

Eine rote Mohnblume wartet vergeblich im Kiesbett der Bahngleise. Man hat sie dort alleine gelassen. Ein braunes Wohnmobil hängt verlassen in den Hügeln. Sein Besitzer ist längst verschwunden. Ein einsames Haus steht allein an einem See. Die Straße, die zu ihm führt, ist asphaltiert. Kein Mensch ist zu sehen, dennoch scheint es bewohnt zu sein. Das gelbe Auto in der Einfahrt leuchtet selbstgenügsam. Die Häuser werden weniger; sanfte Hänge liegen nun nackt da. In B.. grüßt der Bahnhofswärter den vorbeifahrenden Zug. Sein Hund liegt einige Schritte von ihm entfernt im Schatten eines Baumes. Seine Frau steht hinter ihm in der Tür des Bahnhofsgebäudes, das ihnen auch als Wohnung dient. Die Kinder sind längst ausgezogen und haben ihrerseits Familien gegründet. Ihr Leben hat sich längst nach dem Fahrplan gerichtet. Die Schienen laufen eine Zeit lang parallel zu einer Straße, auf der ein Lieferwagen fährt. Er bildet für einen kurzen Moment mit dem Zug in stillem Einvernehmen einen Konvoi. Ein dutzend Bohlen liegt am Schienenrand, wie geschlagene Baumstämme lose gestapelt. Ob sie noch zum Bau neuer Schienen benutzt werden? Die Vegetation wird abwechslungsreicher, Nadelbäume tauchen auf und Buschrosen zeigen ihre Blüten. Ein Schwarm schwarzer Krähen begleitet den Zug ein Stück im Flug. Er dreht ab, als in einiger Entfernung zu den Gleisen ein Tunnel auftaucht, der aussieht wie der Eingang zu einer alten Mine, die den Krähen als zuhause dient. Dunkle Häuser schließen sich zu kleinen Ortschaften zusammen. Ihre Bewohner bearbeiten die angrenzenden Felder ohne Maschinen, höchstens ein Gaul geht ihnen zur Hand. In fast jedem Dorf, mag es auch noch so klein sein, findet sich eine Kirche, die weit sichtbar aus ihm hinausragt. Skelette aus Beton und Stahl bilden die anatomischen Grundrisse von Industrieanlagen, an denen das Fleisch noch fehlt und immer fehlen wird. Ein saftig grüner Hang wird von einem alten, pilzbewachsenen Baum bewacht. Seine morschen Zweige bieten Käfern und Larven Schutz vor den kreisenden Vögeln. Ein anderer Hang, weniger grün, steigt langsam an, während wellenförmige Linien kleine Plateaus in ihn einzeichnen. Eine Rinderherde drängt sich um eine Tränke, die auf offenen Feld steht. Es gibt keine Zäune und keine Hirten, die sie bewachen. Erdig braune und grüne Flächen laufen nebeneinander wie Farben auf einer Flagge. Andernorts sammeln sich Schutt, Geröll und Müll in einer Mulde. Ein gepflügtes und gezackertes Feld ist von hellen Flecken überzogen, die aussehen wie das Licht der Abendsonne. Doch der Himmel ist vollständig von grauen Wolken bedeckt und es gibt keinen Schatten mehr in diesen langen Abendstunden.

Warten, ständiges Warten auf das Ende der Stille und auf die zündende Idee, die Feuer legt, um diese zu sprengen. Wie kaltes Wasser oder feiner Sand schmiegt sie sich unerbittlich in die Freiräume, sie rinnt durch die Spalten und tropft von dort weiter in die Tiefe. Alles verliert sich in der Ferne zu dem einen Fluchtpunkt. Der Strom der Stille wälzt sich träge dahin, von Stadt zu Stadt, über Ländergrenzen hinweg, bis er in den großen Tiegeln der Metropolen zergeht, sich auflöst und sich wieder neu zusammen setzt. Dort flattern wieder die Zeitungen in des Windes Atem und eine sprachlose Lautsprecherstimme verkündet die baldige Ankunft eines Zuges. Die Menschen rappeln sich erwartungsvoll auf, werfen ihre Zigaretten in den Schmutz und heben die Hand an die Stirn, um nicht von der tief stehenden Abendsonne geblendet zu werden, während sie bangend in die Ferne blicken. Im satten Licht glitzert verheißungsvoll ein Fenster, das sich Stück für Stück nähert bis sich die Türen endlich öffnen und ich den Zug zu dir verlasse.

Interview / Eless le 100 (de)

…pour la version française, cliquez ici

Riesiko: Hallo, Eless Le 100, stell dich doch mal kurz vor!

Eless le 100: Hallo! Hier ist Eless le 100, ich bin 20 Jahre alt und ich bin Rapper … Musiker, wie ich gerne sage!

R: Du hast letztes Jahr dein erstes Album „Rô“ veröffentlicht.. wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben? 

Eless: Eigentlich ist es eine ziemlich lustige Geschichte! Es war vor ungefähr 2 Jahren, mit einem Kumpel, der wie ein Bruder für mich ist und Produzent für das Album war. Wir haben irgendwann zusammen beschlossen, dass wir jetzt unsere normale Umgebung verlassen müssten, um neue Inspiration zu haben und um zusammen Musik zu machen. Wir hatten in Marseille ein Apartment für uns und an dem einen Tag hatte ich plötzlich Lust zu rappen. Am Anfang habe ich Beats gemacht, ich habe auch das Instrumental von „2,3 mois“ gemacht, aber den Mix und den Großteil der Instrumentals kommen jetzt alle von meinem Bruder QB. 
Also eigentlich war dann unser Apartment unser Studio, meine Eltern haben mir ein kleines Micro für Podcasts gegeben; ich habe damit in unserer Wohnküche aufgenommen, während im Zimmer nebenan mein bester Homie ein anderes Instrumental oder einen Mix fertig gemacht hat. Das war wie im Traum, ich hatte eine gecrackte Audiosoftware, die ich heute immer noch benutze, ich habe den Autotune drüber gemacht und es war fett. Wir haben nur daran gedacht; während der Arbeit habe ich geschrieben, danach sind wir direkt wieder nach Hause und haben bis Mitternacht und länger drangesessen.

R: Und was war dabei die größte Herausforderung für dich?

Eless: Eigentlich gab es die garnicht wirklich, ich habe mir nicht mal die Frage gestellt, was ich machen soll, es war einfach unser Alltag, unser Alltag. Ich hab einfach gemacht, auf was ich Bock hatte und es hat auch gereicht um glücklich zu sein und es ist genau in dem Moment, dass du davon überzeugt bist, was du machst und am schnellsten voran kommst. Mein einziges Problem bei all dem ist eigentlich nur, dass ich ein richtiger Verlierer bin, was Social Media angeht, ich verfolge, was in den sozialen Netzwerken abgeht, aber ich bin keiner, der die ganze Zeit Storys postet, und in Wirklichkeit ist es das, was man heutzutage machen muss, wenn man sich bekannt machen will. Man muss in den Netzwerken Präsenz zeigen, damit einen mehr Leute besser sehen. Und ich bin nicht so, ich habe mich dazu gezwungen, aber es ist noch nie zu etwas automatischem geworden. Also eigentlich bräuchte man jemanden, der das für einen macht, und dafür braucht man dann wieder Kohle; aber das wir mir scheißegal, weil ich wusste, und ich bin davon immer noch überzeugt, dass wenn ich nur das richtige Ohr und die richtige Person treffen würde, einfach die richtigen Leute kennenlerne, die mich weiterempfehlen oder mir ein vernünftiges Marketing für meine Tracks organisieren, dann wäre das auch mein Durchbruch.


R: Auf dem aktuellen Retrogott – Album findet sich die Line „Weil Jazz und Funk die Basis meiner Lieder sind“ – trifft das auch für dich zu? Was sind deine musikalischen Hintergründe?

Eless: Als ich aufgewachsen bin, habe ich Piano gespielt; ich hatte Unterricht und als ich ungefähr 14/15 Jahre alt war habe ich Jazz entdeckt. Ich habe viel davon gehört und wenn ich selbst spielte, dann habe ich Improvisationen gespielt. Das hat mir auf jeden Fall eine stabile musikalische Basis gegeben, was mir jetzt vor allem bei den Instrumentals hilft, aber auch beim Rappen, man könnte sagen, dass mir die Musik das beigebracht hat. Die Harmonien, die Akkorde und solche Dinge, die habe ich mit dem Klavierspielen gelernt. Darüber hinaus ist es noch mein Vater, der selbst Musiker ist und mir viele Dinge beigebracht und gezeigt hat. Heute höre ich viele unterschiedliche Genres, in denen ich mich mehr oder weniger gut auskenne, aber ich bin jemand der schnell lernt und wenn ich etwas höre das mir gefällt, höre ich es mir auf meinen Lautsprechern wieder und wieder an und das kann mir Inspiration und neue Ideen geben. Das kann egal was sein, egal was für ein Stil, sagen wir ich komme von Barry White zu einem House – Techno – Track in zwei Sekunden.

R: Beim Hören deines Albums merkt man schnell, dass du gerne in Marseille bist.. welche Einflüsse hat die Stadt auf dich und deine Musik? 

Eless: Marseille ist eine Stadt, in der französischer Rap eine große Rolle spielt. Jeder hört sich die Songs im Auto oder beim Friseur an – egal wo. In dieser Stadt ist es die Mischung der Kulturen, von Leuten, die teilen und sich für dich interessieren. Hier lernt man Dinge, die man anderswo nicht lernt und das gibt einem Hoffnung. Man relativiert auch. Und das macht Lust, auch das zu genießen, was man hat und das zu tun, auf das man Lust hat, weil die Leute hier auch ein bisschen so sind. Es ist der Vibe dieser Stadt, der mich inspiriert hat und der mich das genießen lässt, was ich mache.

R: An was arbeitest du gerade?

Eless: Ich mache Songs. Gerade jetzt während der Quarantäne, wo ich viel Zeit für mich habe, verbringe ich meine Tage damit, an neuen Songs zu arbeiten. Ich denke im Moment nur daran. Ich schreibe, ich nehme auf, das Gute dabei ist, dass mein Produzent auch viel Zeit hat, er schickt mir die ganze Zeit neue Instrumentals. 
Davon abgesehen denke ich an eine Veröffentlichung in den kommenden Wochen. Es gibt das Ergebnis einer Kollaboration mit einem deutschen Rapper, das wahrscheinlich bald veröffentlicht wird.
Und dann kann ich noch sagen, dass es weitergeht, ich bin niemand der jeden Monat neue Songs veröffentlicht, ich nehme mir die Zeit und ich zerbreche mir über jedes Detail den Kopf, wenn es nicht perfekt für mich klingt, dann mache ich es nochmal, so ist das.

R: Shout – Outs?

Eless: Ja, an meinen Produzenten und vor allem an einen Freund, der immer in meinem Herz bleiben wird. QBTZ. Er ist für mich eine Person, die ich wie einen Bruder betrachte, ich bin mit ihm aufgewachsen, bin mit ihm in die Musik gewachsen. Mit ihm zusammen habe ich mein Album produziert. Das fertige Album trägt zwar meinen Namen, aber in Wahrheit sind es wir beide, die es gemacht haben, mit meiner Stimme, seinem Mixing, seinen Produktionen und auch mit seinen Ohren. Ohne ihn gäbe es heute kein Album und ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt Eless le 100 geben würde. Auf jeden Fall sind die wahren Schöpfer des Albums Eless le 100 und QBTZ.

Interview / Eless le 100 (fr)

…für die deutsche Version hier klicken…

Riesiko: Bonjour Eless Le 100, pour le dèbut, tu peut t’introduire un peut?

Eless le 100: C’est Eless le 100, j’ai 20 ans, je suis rappeur… musicien, comme j’aime bien dire.

R: L’année dernière, tu as publié ton premier album „Rô“.. Qu’est-ce que tu peut dire de ton procès de travail.. c’est comment?

E: En fait l’histoire est assez drôle. Il y’a deux ans à peu près, avec un pote que je considère comme mon frère et qui était producteur, on s’est dit qu’on devait s’tailler ensemble de notre entourage pour avoir des nouvelles inspis’, et de faire de la musique ensemble. On avait un appart à Marseille et un jour j’ai eu envie de rapper. Au début je faisait de la prod aussi j’avait fait l’instru de 2, 3 mois, mais le mix et la plupart des instrus c’est le frérot QB qui les faits.
Donc en fait notre studio c’était notre apart, mes parents m’avait offert un petit micro pour des podcasts et dans notre salon-cuisine j’enregistrai pendant que dans la chambre d’à côté mon meilleur pote faisait une autre instru ou un mix c’était le rêve, j’avais la version piratée d’un logiciel, que j’utilise toujours hahah, et j’mettait de l’autotune dessus et on était à fond. On pensait qu’à ça, pendant le Taff j’écrivait, après l’Taff on rentrais on s’y mettait direct jusqu’à minuit et plus.

R: Et ce qu’était le défi le plus grand pour toi pendant la création?

E: En fait y’en avait pas vraiment, j’me posait même pas la question quoi faire, c’était ma vie quotidienne, notre vie quotidienne. Je faisait c’que je kiffait et ça me suffisait pour être heureux et c’est à ce moment la aussi que t’es convaincu de c’que tu fait et que tu avance le plus vite. Mon seul problème dans tout ça c’est que j’suis une merde en com,je suis c’qui s’passe sur les réseau mais j’suis pas quelqu’uns qui a l’habitude de mettre des storys tout le temps et en vrai quand tu veux te faire connaître c’est ce qu’il te faut de nos jours, il faut être présent sur les réseau, plus les gens te voit mieux c’est… et moi j’suis pas quelqu’un de comme ça, j’me forçait mais c’est jamais devenu un reflex. Donc en fait il te faut quelqu’un qui te le fait et pour ça faut d’la tune, mais j’m’en foutait parce que je savait et j’en suis toujours convaincu que si je trouve la bonne oreille et la bonne personne qui peux me pistonner ou m’organiser une bonne communication de mes sons c’est bon je perce. 



R: Sur le nouvel album du Rapper allemand Retrogott on trouve le vers „Weil Jazz und Funk die Basis meiner Lieder sind“ („parce que le Jazz et le Funk sont la base de mes chansons“) – c’est aussi vrai pour toi? Quels sont tes racines musicales?

E: J’ai grandi en jouant du piano, je prenait des cours et quand j’avais dans les 14 – 15 ans j’pense, j’ai découvert le Jazz. J’en écoutait beaucoup et quand je jouait j’partais dans des impros Jazz.
C’est sur que ça m’a donné une bonne base musicale, ce qui m’aide surtout à faire des instrus, mais aussi dans le rap, ça m’as appris la musique on pourrait dire. Les harmonies les accords des trucs comme ça c’est le piano qui m’as donné ça. Tout ça c’est aussi mon père qui lui-même est musicien et qui m’as montrer et appris pleins de choses. Aujourd’hui j’écoute beaucoup de styles de musique différents et je m’y connaît plus ou moins bien mais je suis quelqu’un qui apprend vite et quand j’entends quelque chose qui me plaît j’le réécoute sur mes écouteurs et ça peut me donner de l’inspi ou juste des nouvelles idées. Ça peut être n’importe quoi, n’importe quel style, dites-vous, moi ça peut passer de Barry White à un son house – techno en deux secondes. 

R: Si on écoute ton album Rô, c’est directement claire que t’habite à Marseille et que tu l’aime vraiment bien. Quels sont les influences que la ville a sur toi e ta musique?

E: Marseille, c’est une ville dans laquelle le rap français joue un très grand rôle. Tout le monde écoute les sons en voiture sur la rue chez le coiffeur n’importe où. Dans cette ville c’est le mélange de culture, de gens qui partagent et qui s’intéressent à toi. Ici tu apprends des choses que tu n’apprend pas autre part, ça fait prendre confiance. Tu relativise aussi. Et ça donne envie de profiter de c’qu’on a et de faire ce dont on a envie, parce que en vrai les gens ici ils sont un peu comme ça aussi. C’est l’ambiance de cette ville qui m’as inspiré et qui m’as fait kiffer c’que je fais.

R: Tu as des projets courants?

E: Je fait des sons. Surtout là en ce moment de confinement ou j’ai beaucoup de temps pour moi je passe mes journées à travailler sur des nouveaux sons. Je ne pense qu’à ça en ce moment. J’écris j’enregistre, en plus mon producteur il a plein de temps aussi c’est ça qui est bien, il me sort des nouvelles instrus tout les jours.
Mais à part j’pense en sortir dans les semaines qui viennent. Il y a le produit d’une collaboration avec un rappeur allemand qui va sortir bientôt j’pense.
Et à part ça j’peux juste dire que ça avance, je ne suis pas quelqu’un qui sort des sons tout les mois, je prend mon temps et j’me casse la tête sur chaque détail, si c’est pas parfait à mes oreilles je refait, c’est comme ça.

R: Shout – Outs?

E: Oui, à mon producteur et surtout un pote qui me restera toujours dans le cœur. QBTZ. c’est une personne que je considère comme un frère, j’ai grandi avec lui, grandi dans la musique avec lui. C’est avec lui que j’ai produit mon album. En vrai sur l’album au final il y a mon nom, mais c’est à deux qu’on l’as fait, avec ma voix, son mixage, ses prods et ses oreilles aussi. Sans lui aujourd’hui il y aurait pas d’album et je ne sais même pas si il y aurait Eless le 100. 
En tout cas en vrai les créateurs de cet album c’est Eless le 100 et QBTZ.

Tiehmo – trainsurf

Tiehmo sucht in seinen Fotografien immer nach den verborgenen Momenten der Wärme. In seiner Serie ‚trainsurf‘ spricht er vor allem über die in den Massen verlorene Nähe. Während jeden Tag Millionen von Menschen mit einer Metro, S – Bahn oder einem Zug von A nach B transportiert werden, sind die Orte, von denen sie diese Reise antreten, regelrechte Einöden. Das Mobilitätsideal der Moderne hat die Erfahrung der Reise, des Unterwegs – Seins ausgehöhlt. Das einzige was noch davon übrig geblieben ist, sind die Orte, die die Ausgangs- und Endpunkte der Hektik sind.

Morgens stürzen sich die Menschen in die Tiefe hinab, in größter Eile erreichen sie den Zug. Von den Schuhen sind die Treppenstufen glattgeschliffen; die Bahnsteige sind ein Durchgangsort, an dem niemand verweilen will. Wenn man doch dazu gezwungen wird, kann man den Blick über nackte Kacheln streifen lassen. In der sterilen Atmosphäre scheint kein Leben möglich zu sein, alle Gespräche sind verstummt und man geht ziellos auf und ab, bis der herannahende Zug einen erschrickt. Sein Inneres ist nicht besser; billiges Plastik ist gerade schlecht genug für die unzähligen Hintern; die endlosen Seufzer der Fahrgäste verhallen ungehört im Trommeln der Räder. Endlich angekommen schleppt man das eigene traurige Schicksal die gleichen Treppen wieder empor, die man zuvor hinuntergegangen ist – dem Tageslicht entgegen.

Tiehmo wagt den Versuch, eine andere Geschichte zu erzählen; eine Geschichte in der die Menschen noch glücklich sind und sich ihre Umgebung zu eigen machen, statt sich von ihr eine Stimmung diktieren zu lassen. Es ist eine Geschichte, in der die individuelle Erfahrung noch Gewicht hat, in der das Schicksal rührend und tragisch ist und in der die Reise, die auch immer eine Suche ist, die Menschen einander näher bringt.

protocols

„protokolle’s“ English version

Protocol #1
While others are locking themselves into their galleries, ateliers and studios to follow their artistic producing, I can only use a good friend’s old Laptop to express myself in those confusing times. It comes with an Australian keyboard and a battery that is always low, but still, it’s the only mean I can use at the moment, so I have to make the best out of it.
On the one hand the poverty of the means, but on the other hand – oh, how many new experiences are there now; how many unseen, unheard and untold stories are emerging at the moment! Since the coronavirus occupies Europe’s public news sphere it seems that there are more things happening than during the last ten years. For the first time my generation (the Millennials one, I’m born in 1996) is hit by an universal event. Nobody can withdraw, nobody can rely on the popular I’m – not – interested – at – all – attitude that is born by a spirit of superficial thinking and feeling; nourishing that spirit again from day to day. No – this time the strong feeling arises that one cannot withdraw and has to be part of a global history. Everybody is brutally thrown into the tide of events.
One can see clearly now the importance of his or her own life and of personal decisions, while the cosiness we all were used to is rapidly disappearing. While we’re all born with a highly individualistic world view, the only thing we know is the product of our own effort (and not the product of common cooperation) – but never we had to take a real one. Since the end of the cold war the western European societies were witnessing a growth in wealth in every part of their lives – outrunning the growth of the 1960 – 70s. All considerations of social improvements now derive from a bubble of privileged reflection, which itself can afford to rest idle. The wealth has grown too big that one would really like to change anything about the conditions of human existence; much rather one lies down after a opulent meal for a 30 – 45 minute nap to enjoy a coffee afterwards. While individualism was praised it became less important how one would decide in one single moment – more important is to move and act in general schemes, promising security, reliability and coziness. For example the scheme school – study – work promises a life without any material sorrows and it’s not really important how one follows the single steps as long as they’re mastered at all. With the coronavirus something entered our lives that seems to destroy those schemes and that can best be described with the term “singularity”.

..James Clerk Maxwell demonstrates in 1861 how to take a coloured photographic image..

The term “singularity” was first used by James Clerk Maxwell to describe unstable systems (and thereby to explain their collapse or transformation). Used in this context the term describes a relation in which a small cause has a big effect; in which a single event leads to a radical shift. Maxwell then develops eight characteristics to describe singularities which can either appear in social or in dynamic systems. If such an event takes places in a dynamic system it is always accompanied by a mathematically defined or definable instability. The Russian mathematicianAlexander Michailowitsch Ljapunow contributed a lot to the definition of the instability. It is defined as the most basic characteristic of a singularity, which is the shift from one state to another, and it’s sum is in fact nothing else than the extent to which the new state is different to the old one. Ljapunow came from a well educated home and he was following a university career quickly and single – minded. He was born in 1857 in Yaroslavl, that was the second biggest city in Russia until the foundation of Saint Petersburg in 1703. He went there to study, starting with chemistry but turning to mathematics after a short time. If and how much he was in contact with Maxwell’s ideas and works is unknown, but he corresponded with the frenchmen Henri Poincaré, who was one of the most important recipients of Maxwell’s ideas. But that was already after his time as a student in Saint Petersburg, which he completed successfully in 1885 with the publication On the stability of ellipsoidal forms of rotating fluids (Об устойчивости эллипсоидальных форм равновесия вращающейся жидкости). With this work he not only gained his graduation but also immediate international recognition. A truly singular event for Ljapunow. When he would move to Charkow to take over the vacant chair for mechanics his new students were also witnessing a singular event. His disciple Stekow reports from his inaugural lecture: 
“A good looking young man, with a similar appearance compared to the other students, entered the auditorium together with the old dean, professor Lewakowski, respected by all the students. After the dean had left, the young man started with a flattering voice his speech concerning the dynamics of systems. This topic was already part of the lectures held by professor Delarju. I was in the fourth grade. I’ve heard the lectures of Dawidow, Zinger, Soletow and Orlow in Moscow. Also I’ve already been visiting the university of Charkow for two years, so the mechanic – lectures we’re well known to me. But I didn’t know the subject from it’s very first beginning and I’ve never seen it in a textbook. So all the boredom flew by completely. Alexander Michailowitsch gained within one hour – without knowing it by himself – the auditorium’s respect with the force of a natural talent, rarely seen in such a youth. Since this day the students were looking at him with a different view and showed extraordinary respect. Often they didn’t even dare to speak to him to not unveal their lack of knowledge. 

Maxwell occupied himself in 1857, even before his remarks to singularity, with the mathematical theory of the stability of Saturn’s rings. The rings are an ensemble of several bodies with same mass, orbiting Saturn with a certain speed. Maxwell followed the question when they would theoretically be stable, i.e. which have to be the conditions for their real stability. He then concluded that they have to consist of independent parts, being either liquid or solid. With that the independence of the single parts became the basic condition for the stability of a system. In general one has to expect that Saturn’s ring orbit will fall victim to (self) destruction, caused by disruptions within the system like collisions of the bodies. Because the parts are independent of one another the system is stable. And because the parts are independent of one another the system will destroy itself. The independence is the reason for the functioning and the finiteness. 

Protocol #2
By chance I met another reader of Maxwell’s theories while I was taking a long walk through the city. Those wanderings, how I’m calling my walks right now, lead me often to unknown streets, passing by dim windows covering the tenants‘ fear. I can feel it very well, even through the glass. They locked themselves from the outer world and are now living in front of their screens, thrown back to themselves, behind their drawn windows and become paler and paler with every day passing by while the sun is climbing higher and higher. The depopulated city seems to be dangerous and spooky, in the next moment calm like on a Sunday’s morning and contemplative, then again grim and hostile to life. It’s buzzing noise has stopped, it’s tact has somehow lost the rhythm and through it’s asphalt veins drips just a small runlet of blood. All sources are ebbing for the moment. The restaurants closed; the coffeeshops closed; the boutiques closed. But not only the physical desires are suffering, also the intellectual ones are suffering an unknown hunger. Then ew life is without concerts, exhibitions and speeches; without sound, taste and colour hour for hour passes by; the same death bells are ringing every quarter of an hour and are echoing a hundred times louder through the alleys; leading the way for the processions. 

It was during one of those wanderings when I stopped in front of a public book closet. Normally I’m not really attracted by them; too many badly written books are waiting too long on the shelves, but now, in the middle of this intellectual wasteland, I felt the strong desire for new thoughts and new emotions. The book closet was alluring me from quite a distance, promising relief. Helplessly I followed it’s call. When I opened it’s glassy door I was remembered quickly why I would normally avoid such a closet. There was the sickening smell of old, cheap and already yellowed paper making it’s way to my nose. Immediately I had to think again of all the living rooms with the drawn curtains and the high shelves made out of a dark imitation of tropical wood. In the middle of this room there is an old men or women sitting in one of the two big armchairs, the book lies open on the thighs, and the lifeless hands are hanging down to the ground. There were only a few backs of the books attracting my attention and it took quite an effort until I managed to take one of the books into my own, still not lifeless hands. I couldn’t tell why it was the one and not the one next to it. The intuition, especially the artist’s intuition, is full of changes and it’s the biggest luck and the biggest agony of every artist that he has to follow his intuitions every moment. 

In my hands I was holding a book, the rims slightly yellowed, around 1,5 centimetres thick, with a white, cheaply factored cover. The front cover looked like a scientific publication. It was a minimalist design, only in black and white, but already now I’m doubting the author’s exactness and reliability while writing the book. It was published 1987 and treats the relationships between some American press moguls and the Nazis between 1930 and 1945. I wasn’t aware that such a connection existed. 
One of the chapters speaks of a certain William Randolph Hearst, who is described by Thomas Walker, also known as Robert Green.

protokolle

Protokoll #1, 23.03.2020
Während andere sich in Galerien, Ateliers oder Studios einschließen, um dort ihrem künstlerischen Tun nachzugehen, bleibt mir lediglich der alte Laptop eines guten Freundes, um mich in dieser verworrenen Zeit auszudrücken. Die Tastatur auf Australisch, der Akku immer schwach; doch es ist das einzige Mittel das mir gerade bleibt, also muss ich das Beste daraus machen.
Einerseits die Armut der Mittel, doch andererseits – oh welch‘ Reichtum an neuen Erfahrungen, welche Vielfalt an noch nicht Dagewesenem. Wie viele ungehörte, ungesehene und unerzählte Geschichten entstehen in den letzten Tagen! Seit der Coronavirus die europäische Nachrichtenöffentlichkeit in Atem hält, passieren scheinbar mehr Dinge als in den letzten zehn Jahren zusammen. Das erste Mal wird meine Generation (die der Millennials; geboren bin ich 1996) von einem universalen Ereignis getroffen. Keiner kann sich entziehen, keiner kann sich auf die sonst so beliebte Interessiert – mich – nicht – Haltung verlassen, die von einem Geist der Oberflächlichkeit hervorgebracht wurde und diesen Geist auch immer weiter am Leben erhält. Nein – jetzt ist das erste Mal das Gefühl erwacht, sich nicht entziehen zu können. Einen jeden reißt es auf brutale Weise in den Strom der Ereignisse hinab.
Die Wichtigkeit des eigenen Lebens und der eigenen Entscheidungen tritt plötzlich wieder scharf hervor, die Gemütlichkeit hat sich schlagartig verflüchtigt. Zwar sind wir mit einem individualistischen Weltbild geboren und kennen seit Kindesbeinen nichts anderes als das Produkt der eigenen Leistung (und nicht das der gemeinschaftlichen Zusammenarbeit), aber wirklich leisten mussten wir noch nicht. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurden die westeuropäischen Gesellschaften Zeugen eines sich immer weiter ausdehnenden Wohlstandes, der auch die 1960 – 70er Jahre in den Schatten stellt. Alle Überlegungen zum gesellschaftlichen Fortschritt entstammen seit dem einer Blase der privilegierten Reflexion, die es sich leisten kann untätig zu bleiben. Der Wohlstand ist zu groß, als dass man wirklich etwas an den Bedingungen der menschlichen Existenz ändern möchte; lieber legt man sich nach einem üppigen Mahl für 30 – 45 Minuten zur Ruhe, um danach einen Kaffee zu genießen. Während der Individualismus gelobt wurde, wurde es dennoch immer weniger wichtig, wie man sich in den einzelnen Momenten verhält; wichtiger ist es nun sich in allgemeinen Schemata zu bewegen, die ihrerseits Sicherheit, Verlässlichkeit und Gemütlichkeit versprechen. Das Schemata Schule-Studium-Beruf garantiert zum Beispiel ein Leben ohne materielle Sorgen und es ist nicht besonders wichtig, wie man die einzelnen Stufen bewältigt, solange man sie überhaupt bewältigt. Mit dem Coronavirus ist jetzt etwas in unser aller Leben getreten, das diese Schemata grundlegend zu erschüttern scheint und das sich vielleicht am besten mit dem Begriff der „Singularität“ beschreiben lässt.

..James Clerk Maxwell demonstrates in 1861 how to take a coloured photographic image..

Der Begriff der Singularität wurde erstmals von James Clerk Maxwell zur Erklärung instabiler Systeme (und damit auch zur Erklärung eines Kollaps oder einer Veränderung) verwendet. In diesem Kontext bezeichnet der Begriff einen Zusammenhang, in dem eine kleine Ursache eine große Wirkung hat; in der also ein einzigartiges Ereignis zu einer radikalen Veränderung führt. Maxwell entwickelt im Folgenden acht Eigenschaften von Singularitäten, die sowohl in dynamischen als auch in sozialen Systemen auftreten können. Erscheint ein solches Ereignis in einem dynamischen System, dann ist es immer von einer mathematisch definierten oder definierbaren Instabilität begleitet; zu deren Definition wiederum der Russe Alexander Michailowitsch Ljapunow maßgeblich beitrug. Eine Instabilität bezeichnet die grundlegendste Eigenschaft einer Singularität, nämlich das Übertreten eines Zustandes in einen anderen, wobei ihr Ausmaß schlussendlich nichts anderes ist als das Ausmaß der Abweichung des neuen Zustandes vom alten.
Ljapunow entstammte einem gebildeten Elternhaus und verfolgte schnell und zielstrebig eine universitäre Karriere. Er wurde 1857 in Jaroslawl geboren, das bis zur Gründung von Sankt Petersburg im Jahre 1703 die zweitgrößte russische Stadt war. Dorthin zog es ihn dann für seine Studien, die er zunächst noch mit Chemie begann, um sich dann aber immer mehr der Mathematik zuzuwenden. Inwieweit er dabei direkten Kontakt mit den Ideen und Lehren von Maxwell hatte ist nicht bekannt, allerdings korrespondierte er mit dem Franzosen Henri Poincaré, der gleichzeitig einer der wichtigsten Rezipienten von Maxwells Ideen war. Das war aber nach seiner Zeit als Petersburger Student, die er 1885 erfolgreich mit der Arbeit Über die Stabilität von elliptischen Gleichgewichtsformen rotierender Flüssigkeiten (Об устойчивости эллипсоидальных форм равновесия вращающейся жидкости) abschloss. Die Arbeit verschaffte ihm nicht nur das Magisterexamen, sondern auch unmittelbare internationale Anerkennung. Ein für Ljapunow singuläres Ereignis. Als er dann nach Charkow umzog, um dort den vakanten Lehrstuhl für Mechanik zu übernehmen, wurden seine neuen Studenten ebenfalls Zeugen eines singulären Ereignisses. So berichtet sein Schüler Steklow über Ljapunows Antrittsvorlesung:
Ein gut aussehender junger Mann, von der Erscheinung fast wie die anderen Studenten, betrat gemeinsam mit dem alten Dekan, Professor Lewakowski, der von allen Studenten respektiert wurde, das Auditorium. Nachdem der Dekan gegangen war, begann der junge Mann mit zitternder Stimme seine Vorlesung mit einem Thema über die Dynamik des Punktes anstelle der mit dem Thema über die Dynamik von Systemen. Dieser Gegenstand war schon in den Vorlesungen von Professor Delarju enthalten. Ich war in der vierten Klasse. Ich hatte die Vorlesungen in Moskau von Dawidow, Zinger, Soletow und Orlow gehört. Ich war auch schon zwei Jahre an der Charkower Universität gewesen, so dass mir die Mechanik-Vorlesungen vertraut waren. Aber ich kannte den Gegenstand nicht von Anfang an und ich hatte ihn niemals in einem Lehrbuch gesehen. So verflog die Langeweile bei der Vorlesung vollständig. Alexander Michailowitsch errang in einer Stunde – ohne es selbst zu wissen – den Respekt des Auditoriums mit der Gewalt eines Naturtalentes, wie man es in solcher Jugend selten gesehen hat. Von diesem Tage an betrachteten die Studenten ihn mit anderen Augen und bezeigten ihm besonderen Respekt. Oft haben sie es nicht einmal gewagt, mit ihm zu sprechen, um nicht ihr Unwissen zu zeigen.

Maxwell befasste sich 1857, noch vor seinen Bemerkungen zur Singularität, mit der mathematischen Theorie der Stabilität der Ringe des Saturn. Die Ringe sind ein Ensemble mehrerer Körper von gleicher Masse, die den Saturn mit einer gewissen Geschwindigkeit umkreisen. Maxwell ging der Frage nach, wann sie theoretisch stabil seien, also was die Bedingungen für ihre realitäre Stabilität sind. Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass sie aus unabhängigen Teilen, die flüssig oder fest sein können, bestehen müssen. Damit wurde zur Grundbedingung für die mathematische Stabilität eines Systems die Unabhängigkeit und Ungebundenheit seiner Teile. Allgemein ließe sich aber die (Selbst-)Zerstörung des Ringsystems absehen, verursacht durch Störungen wie Zusammenstöße der Teilkörper. Weil die Teile unabhängig sind, ist das System stabil. Und weil die Teile unabhängig sind, wird sich das System selbst zerstören. Die Unabhängigkeit ist sowohl der Grund für das Funktionieren als auch für die Endlichkeit.

Protokoll #2, 25.03.2020
Ein anderer Leser von Maxwell’s Theorien begegnete mir recht zufällig bei einem längeren Spaziergang durch die Stadt. Diese Streifzüge, wie ich meine Gänge nun zu nennen pflege, führen mich oft in unbekannte Straßen, vorbei an matten Fensterscheiben, hinter denen ich die Angst der Hausbewohner spüren kann. Sie haben sich vor der Außenwelt verschlossen und leben auf sich zurück geworfen vor ihren Bildschirmen, hinter ihren zugezogenen Fenstern und werden blasser und blasser, während draußen die Sonne immer höher steigt. Die jetzt entvölkerte Stadt wirkt gespenstisch und gefährlich, im nächsten Moment wieder sonntäglich ruhig und beschaulich, dann wieder düster und lebensfeindlich. Ihr Brummen ist verstummt, ihr Takt hat seinen Rhythmus verloren und durch ihre Asphaltadern fließt jetzt nur noch ein dünnes Rinnsal an Blut. Alle Quellen sind fürs erste versiegt. Die Restaurants verschlossen; die Cafés verschlossen; die Boutiquen verschlossen. Nicht nur die Bedürfnisse des Körpers kommen zu kurz, auch die des Geistes leiden einen unbekannten Hunger. Ohne Konzerte, ohne Ausstellungen und ohne Vorträge ist das neue Leben jetzt; ohne Klang, Geschmack und Farbe vergeht Stunde um Stunde; die selben Totenglocken läuten viertelstündlich und hallen nun hundertmal lauter durch die Gassen, um den Prozessionen ihr Ziel anzuzeigen.

Es war auf einem dieser Streifzüge also, dass ich vor einem der öffentlichen Bücherschränke innehielt. Normalerweise lockt mich ihr Angebot nicht; zu viele schlecht geschriebene Bücher stehen schon viel zu lange in den Fächern, doch jetzt, mitten in dieser intellektuellen Einöde, verspürte ich das dringende Bedürfnis nach neuen Gedanken, nach neuen Gefühlen. Der Bücherschrank lockte mich schon von weitem mit dem Versprechen nach Abwechslung und ich gab hilflos seinem Rufe nach. Als ich dann die gläserne Tür öffnete, wurde mir schnell wieder klar, warum ich normalerweise einen großen Bogen um solche Schränke schlug. Der Gestank von billigem, vergilbten Papier schlug mir entgegen und ich musste unwillkürlich an die Wohnzimmer mit den vorgezogenen Vorhängen und den hohen Regalen aus dunklem Tropenholzimitat denken, in denen ein alter Mann oder eine alte Frau in einem der zwei großen Sessel sitzt, das Buch offen auf den Oberschenkeln liegend, die Hände leblos herabhängend. Nur wenige der Buchrücken erregten überhaupt meine Aufmerksamkeit und ich rang mich dann schließlich doch dazu durch, eines der Bücher in die eigenen, nicht leblosen Hände zu nehmen. Warum es schließlich genau das eine war und nicht das daneben stehende ist mir bis heute nicht klar. Die Intuition, gerade die des Künstlers, ist oft sehr sprunghaft und es ist das größte Glück und die größte Qual des Künstlers, seinen Intuitionen jederzeit folgen zu müssen.

In meinen Händen halte ich ein an den Rändern vergilbtes Buch, etwa anderthalb Zentimeter dick, mit weißem, günstig gefertigtem Einband. Der Buchdeckel ähnelt einer wissenschaftlichen Veröffentlichung, in seiner minimalistischen, schwarz – weißen Gestaltung, doch schon jetzt zweifle ich an der Exaktheit und Gewissenhaftigkeit, mit der es geschrieben sein sollte. Es wurde 1987 veröffentlicht und schildert die Beziehungen zwischen US – amerikanischen Pressemogulen und den Nationalsozialisten zwischen 1930 und 1945. Dass eine solche Verbindung existierte, war mir bis dahin nicht bekannt gewesen.
Eines der Kapitel handelt von einem gewissen William Randolph Hearst, der von Thomas Walker, auch bekannt als Robert Green, beschrieben wird.

Protokoll #3, 27.03.2020

Tagebuch von Robert Green
12. Oktober 1934
Heute Ankunft in der Sowjetunion. Nach einer langen Reise von London über Brüssel nach Berlin und Warschau habe ich heute am frühen Abend die Grenze der UdSSR überquert. Am Grenzübergang von Negoreloye wartete ein einziger Beamte, adrett gekleidet in seiner Uniform und scheinbar unberührt von der Kälte, auf den Zug. Er stieg vorne beim Schaffner ein und kontrollierte anschließend die Papiere aller Reisenden. Es gab keinerlei Probleme mit meinen gefälschten Papieren, die mir noch vor meiner Abreise in London ausgehändigt wurden. Der Fälscher hat gute Arbeit geleistet, was auch das mindeste ist. Auch mit der Kamera gab es keine Probleme, die Gepäckstücke wurden gar nicht erst kontrolliert.
Der Passagier auf dem Platz neben mir beschwerte sich lautstark bei dem Beamten, während dieser seine Papiere in den Händen hielt, wobei ich nicht genau verstand, worum es dabei ging. Wahrscheinlich wollte er wissen, warum die Kontrollen immer so lange dauern; wir saßen mittlerweile schon über eine Stunde in dem stehenden Zug. Der Beamte reagierte kühl und gelassen, kontrollierte weiter die Papiere der anderen Passagiere, die mit uns in der ersten Klasse saßen und verließ dann den Zug wieder vorne beim Schaffner. Dann durften wir alle aussteigen und ich setzte zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit meine Füße auf russischen Boden.
Negoreloye selbst ist ein vergessener Marktflecken inmitten einer Einöde; es gibt nur eine Straße, die ohne Steine gebaut ist und ein paar schmale Fußwege zu den abseits gelegenen Höfen der Bauern. Das größte Gebäude ist das Wohnhaus der Familie Süsskind, wie mir mein Sitznachbar stolz mitteilte. Er scheint öfter hier vorbeizukommen. Auf der einen Seite der Gleise liegt Negoreloye, auf der anderen Seite fließt ein schmales Flüsschen dahin, das sich in einem Waldstück verliert. Es gibt auch zwei Mühlen, die einen modernen Eindruck machen, wahrscheinlich sind sie im Zusammenhang mit dem Fünf-Jahresplan gebaut worden. Ich konnte auf dem kurzen Wegstück keine Getreidefelder ausfindig machen, die ansässigen Bauern scheinen vor allem Viehzucht zu betreiben, aber wahrscheinlich wird dann aus den Nachbardörfern das Getreide hier her gebracht. Eine alte Großmutter trug leere Milchkannen, drei oder vier an jeder Hand, ansonsten begegnete uns niemand. Alle Passagiere der ersten Klasse gingen wie wir den Weg zur Herberge, die anderen verteilten sich am Bahnsteig und um das kleine Bahnhofsgebäude herum, wo sie wahrscheinlich die Nacht im Freien verbringen werden. Dazu haben sie zahlreiche Decken und Vorräte mitgebracht.
Ich jedenfalls bin froh um das Holzfeuer, das im Speisesaal der Herberge noch brennt und für das ganze Haus eine angenehme und willkommene Wärme spendet. Der nächste Zug kommt morgen früh um 5:50 und wird uns direkt nach Moskau bringen, wo wir planmäßig kurz nach Mitternacht ankommen sollen. Mein Sitznachbar stellte sich kurz vor der Herberge als Herr Frisch, Schweizer und Kosmopolit, vor. Er fühlt sich allem Anschein nach sehr zu mir hingezogen; er bleibt immer in meiner Nähe und sieht jetzt in mir so etwas wie seinen Reisekameraden. Er war voller Begeisterung, als er herausfand, dass wir beide nach Moskau fahren werden. Ich bin gespannt, ob wir morgen wieder nebeneinander sitzen werden. Er war schon mehrmals dort, auch jetzt ist der Grund für seine Reise eher banal – er will eine ehemalige Geliebte wiedersehen. Auf die Frage, was ich denn in Moskau machen würde, reagierte ich zurückhaltend. Ich wolle im russischen Staatsarchiv über die Zeit des Terrorismus in den 1880ern Jahren recherchieren. Er gab sich mit der Antwort zufrieden und erwartete keine weiteren Ausführungen zu dem Thema.
Ich wäre lieber für mich alleine. Mit den gefälschten Papieren komme ich mir ein bisschen schmutzig vor und ich habe das Gefühl, ihn in jeder Sekunde anzulügen, auch wenn ich es eigentlich nicht tue. Die doppelte Identität lastet schwer auf mir – schwerer als gedacht.

Protokoll #4, 30.03.2020

Tagebuch von Robert Green
13. Oktober 1934
Heute wieder eine schier endlos lange Zugfahrt – dieses Mal nach Moskau. Es wird kälter, die Leute werden ruhiger, aber im gleichen Moment auch grimmiger. Frisch sitzt natürlich wieder neben mir und schwärmt die ganze Zeit von der russischen Kultur und der Mentalität der Menschen hier. Sie seien eigentlich viel offener und liberaler als die Menschen im Westen, so sagt er mir, und fügt in einem komischen Tonfall, von dem ich nicht weiß, ob es als ein Scherz oder als eine Beleidigung gemeint ist, hinzu: „Vor allem als die Amerikaner“. Wieder überkam mich das Bedürfnis alleine zu reisen, andererseits ist es vielleicht garnicht mal so verkehrt mit einem Menschen wie Frisch unterwegs zu sein. Falls irgendwelche Kontrollen durchgeführt werden sollten, würde er sicher mit seiner dümmlich – gutmütigen Art dafür sorgen, dass die Beamten schnell wieder abließen.
Ich habe kein gutes Gefühl bei diesem Auftrag und ich werde versuchen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Die Stimmung im Land scheint ziemlich angespannt zu sein und man wartet förmlich auf einen Fremden, der ein paar Fragen zu viel stellt, um an ihm ein Exempel zu statuieren und das nationale Einheitsgefühl wieder herzustellen. Im Allgemeinen habe ich keinerlei Lust auf diese Schmäh-Kampagne gegen die UdSSR, wie sie von Hearst gerade geplant wird, aber ich hatte keine Wahl; zu viele offene Rechnungen, zu viele Probleme und sowieso hat mir London auch gehörig gestunken.
Ein Unterhändler von Hearst hat mich vor ein paar Tagen in meiner Wohnung im East End besucht, weiß der Teufel woher er meine Adresse hatte, um mir dieses Angebot zu unterbreiten. 30 – 50 Fotografien von hungernden und verarmten Menschen, ein paar Seiten Notizen, die die Verhältnisse vor Ort weiter dokumentieren, und das gegen eine gute Stange Geld. Hearst selbst kenne ich noch aus meiner Zeit in New York, wir hatten die gleichen Vorlieben was Clubs und Frauen anging und wir trafen uns oft im Cotton Club in Harlem oder im Back Room in Manhattan. Diese Begegnungen waren zu Anfang noch zufälliger Natur, doch wir begannen bald schon damit, uns gezielt zu verabreden. Wir haben einige krumme Dinger gedreht, aber als es mir in New York zu heiß wurde und ich stattdessen nach London ging, brach der Kontakt ab. Vor ein paar Jahren war ich dann nochmal dort und traf auch tatsächlich Hearst wieder in den gleichen Clubs, in den gleichen Anzügen, mit den gleichen Frauen. Er hatte sich nicht verändert und das machte mir Angst. Ich teilte ihm dennoch meine aktuelle Adresse mit und versicherte ihm mehrmals, dass ich die Arbeit mit ihm sehr geschätzt habe. Wenn er neue Ideen habe, solle er nicht davor zurückschrecken, mich zu kontaktieren. Auf der gesamten Rückreise wurde ich die Gedanken an ihn nicht los. Was er wohl für ein Leben führte, da in New York, tagsüber einer der wichtigsten Männer in der amerikanischen Presse und Abends ein Gast im Cotton, wo er alle Leute von Bedeutung kannte, sehr zurückhaltend war er immer gewesen, niemals musste er sich in den Vordergrund drängen, er hatte das Selbstbewusstsein eines Königs, der ganz genau weiß, dass am Ende noch mehr als genug für ihn da ist.
In Erinnerung an diese Erfahrung nahm ich den Auftrag aus London an; in dem Bewusstsein für einen Menschen zu arbeiten, der mir an Rang und Einfluss weit überlegen war, der aber dennoch etwas in mir sah, das ihm imponierte.
Dass sich die Arbeit dann als so nervenaufreibend herausstellen würde – damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin voller Angst, dass jemand auf mich aufmerksam werden könnte und ich weiß nicht einmal warum. Der Pass ist gut gefälscht, ich habe ein Schreiben, natürlich auch gefälscht, der Universität von Exeter bei mir, dass mich als angehenden Professor der Soziologie ausweist. Dass ich in Moskau ins Staatsarchiv gehen soll ist nicht einmal gelogen, nur der Gegenstand meines Interesses ist jetzt ein anderer als der, den meine Habilitationsschrift behandeln sollte. Statt dem Terrorismus der 1880er Jahre nachzugehen will ich mir Bilder aus dem ersten Weltkrieg ansehen und darunter hoffentlich einige finden, die Hearst genügen.
Diese Idee kam mir heute morgen mit dem Aufstehen – ich will versuchen, möglichst wenig mit der Kamera herumzulaufen, das erscheint mir zu heikel. Gerade auch weil es ein amerikanisches Modell ist, wird sie hier viel Aufmerksamkeit erregen.
Der Zug fährt ruhig durch russische Wiesen und Waldstücke, Frisch schläft neben mir, während ich dies schreibe und die Sonne fällt schräg durch das Fenster auf meinen Platz. Das gleichmäßige Rattern der Räder stiftet eine unglaubliche Ruhe. Alle Passagiere sind verstummt, aber sie alle nehmen Teil an dem Erlebnis.

Protokoll #5, 31.03.2020

Tagebuch von Robert Green
14. Oktober 1934
Wie erstaunlich ist es doch, was die Technik mittlerweile zu leisten im Stande ist! Mit Ehrfurcht verneige ich mein Haupt vor ihren letzten Errungenschaften! Auf den letzten Kilometern vor Moskau wollte ich mit Frisch ein Gespräch über die Fotografie beginnen, aber er scheint auf diesem Gebiet nicht sonderlich bewandert zu sein und so war es keine Überraschung, dass das Gespräch nach einigen Sätzen wieder verebbte. Er scheint für mich ein Mensch zu sein, der sich allem Modernen grundsätzlich verweigert und er hat daraus seinen Charakter geschmiedet. Er will nichts wissen vom Rundfunk, er hat noch nie vom Fernsehen gehört und ich kann mir gut vorstellen, wie er in seinem Schweizer Bergdorf abends im Schein einer Kerze ein Kapitel Dante liest und das Ende der romantischen Zeit, in der es noch keine Elektrizität gegeben hat, beklagt. Dabei ist der technische Fortschritt unabwendbar! Wer will sich ihm in den Weg stellen, wenn er sich mit der Gewalt eines Naturgesetzes vollzieht?
Eine der letzten Sachen, die ich in London noch erledigt habe, bevor ich zu dieser Reise aufgebrochen bin, war, mir neue Chemikalien für meine Dunkelkammer zu besorgen. Jetzt lässt mich der Gedanke daran nicht mehr los und wie gerne wäre ich dort, in dem angenehm roten Licht, um mit den Negativen zu experimentieren. Wenn ich zurück komme, will ich direkt damit beginnen die Farbfotografie zu studieren. Ich habe von einem Freund erfahren, dass es der Schotte Maxwell gewesen sein soll, der das erste Farbfoto hergestellt hat. Dabei soll er mehrere transparente Abzüge vom gleichen Motiv hergestellt haben. Jeder Abzug stammt von einem anderen Negativ, wobei die Kamera bei der Aufnahme zuerst mit einem roten, dann einem blauen und schließlich einem grünen Filter versehen war. Wenn man dann die drei Abzüge aufeinander projiziert, entsteht scheinbar eine farbige Kopie des Motivs. Mir ist unerklärlich, wie das möglich sein soll, aber ich bin gespannt, es nachzuvollziehen. Auch unter den großen Fotografen der Zeit, die vor allem aus den USA stammen, tut sich bisher keiner wirklich mit der Entwicklung einer farbigen Fotografie hervor. Ich weiß nicht, woher dieses Defizit stammt, ob es wirkliche die technischen Herausforderungen sind, die sich einem unheimlich in den Weg stellen? Oder hat es sich die Fotografie einfach zum Dogma gemacht, nur schwarz – weiße Bilder herzustellen? Ist sie ebenso mit dem Ewig – Gestrigen behaftet, wie dieser Schweizer Frisch, der nach unserer Ankunft in Moskau erst einmal darauf bestand, einen Brief in die Schweiz zu senden, gerade so, als ob er noch nie etwas vom Telegrafen gehört hätte.
Zum Glück trennten sich unsere Wege am Bahnhof. Ich bin in einem kleinen, bescheidenen Hotel in Bahnhofsnähe abgestiegen, Frisch dagegen brüstete sich damit, dass er seine Zeit hier im „National“ verbringen wird. Das Luxushotel hat gerade erst wieder eröffnet, nachdem es eine lange Zeit des Umbaus und der Renovierungen hinter sich hatte. Jetzt soll es laut Frisch einen besonderen historischen Charme haben. Man hat aus allen Teilen des Landes antike Möbelstücke, Bilderrahmen, Kronleuchter, Teppiche, Porzellan, Spiegel, Vasen und und und zusammengehäuft und sie in das Betonskelett gestopft. Ich will mir garnicht vorstellen, in welchem Kitsch Frisch jetzt leben muss. Wahrscheinlich ist er damit noch glücklich, mit seinen roten Bäckchen und seinem dümmlichen Grinsen. Mein Zimmer bietet nichts von all dem, doch es ist mir gerade recht. Ein schmales Bett, ein kleines, dünnes Fenster, durch das eine Ahnung der Kälte hinein gelangt und ein Waschbecken mit einem blinden Spiegel darüber – das ist alles. Nachdem ich lange geschlafen habe, bin ich gegen Mittag die Blocks in der Umgebung abgelaufen und habe mich dann zum Staatsarchiv begeben. Das wird für die nächsten paar Tage mein Arbeitsweg sein.

Prokoll #6, 05.04.2020
Tagebuch von Robert Green
15. Oktober 1934

Die Arbeit ist schwerer als gedacht. Das stellte sich nach meinem ersten Tag im Archiv schnell heraus. Ich bin zwar einigermaßen an das kyrillische Alphabet gewöhnt, aber hier findet sich wirklich kein einziger lateinischer Buchstabe. Das überforderte mich zu Beginn sehr und ich brauchte circa zwei Stunden, um überhaupt herauszufinden, in welchem Bereich des Archivs sich die Aufzeichnungen zum ersten Weltkrieg befinden. Als das getan war, sichtete ich die einzelnen Jahre. Es ist wirklich unglaublich, wie viel Material man hier zusammengetragen hat. Die Sammlung wurde von den Bolschewisten angelegt und man kann deutlich erkennen, in welcher Art und Weise sie den Krieg gesehen haben und es immer noch tun. Für Lenin und die Parteielite war er die willkommene Chance, das Regime der Zaren endgültig zum Einsturz zu bringen. Schon in den ersten Kriegswochen offenbarten sich auf dem militärischen Gebiet im Besonderen die Schwächen des russischen Staates im Allgemeinen. Diese kehrten sich immer weiter gegen ihn, bis er schließlich unter dem Druck zerriss. Fehlende Koordination und Eigenbrötlerei, veraltete Denk- und Kampfweisen, das waren die Hauptgründe fuer das militärische Scheitern. 
Ich habe daher großes Glück, denn, auch wenn ich sie heute noch nicht direkt fand, so sollten die Berichte über die hungernde Bevölkerung einen großen Platz einnehmen, zeigen sie doch, wie rücksichtslos Zar und Staatsführung der zivilen Bevölkerung gegenüber waren. Dass diese systematisch mit Propaganda über die tatsächliche militärische Entwicklung getäuscht wurde, ist heute längst kein Geheimnis mehr. Der Hass auf den Zaren sitzt tief in den Herzen; gerade in den Köpfen der Landbevölkerung hat sich ein vollkommener Einstellungswandel vollzogen. Wie stark muss die Gegenaufklärung der Bolschewiki in den ersten Tagen nach der Revolution und dann nochmal nach der Staatsgründung vor 12 Jahren gewesen sein! Sie haben alle ihre Ressourcen mobilisiert, um durch ihre Presse für eine geistige Vernichtung des Zaren zu sorgen. 
Es war im Übrigen auch nicht so leicht, den richtigen Bereich zu finden, weil die Dame, die am Empfang arbeitet und der ich das Schreiben aus Exeter vorlegte, mich natürlich zu den Hochjahren des Terrorismus geführt hat. Sie war sehr freundlich, besonders hübsch war sie nicht, aber wer weiß, vielleicht frage ich sie noch an einem Abend, ob sie mit mir ausgehen will. Sie ließ sich den ganzen Tag über nicht mehr zwischen den Regalen blicken, so konnte ich einigermaßen ungestört arbeiten. Ich muss Vorsicht walten lassen und darf nicht den Anschein erwecken, dass ich am herumschnüffeln bin.

Tagebuch von Robert Green
16. Oktober 1934

Ich muss mit diesem Tagebuch aufhören! Ich weiß auch, dass es unvernünftig ist, es weiter bei mir zu behalten, lieber sollte ich es auf dem Weg zum Archiv unauffällig entsorgen. Ich fühle mich beobachtet und ich schreibe hier mein eigenes Geständnis für jeden, der das Tagebuch bei mir findet. Heute auf dem Weg zum Archiv folgte mir ein grimmig aussehender Mann. Ich bemerkte ihn zwei Blöcke vom Hotel entfernt und auch obwohl ich einen Umweg und einige sinnlose Abbiegungen ging, blieb er immer noch hinter mir. Erst als ich vor dem Archiv stand, sah ich, wie er sich davon machte. Ich habe Angst!
Aber dennoch kann ich mich nicht von dem Tagebuch trennen! Wie gerne lese ich die alten Seiten, die Berichte vergangener Tage, die tief in mir die Erinnerungen wieder wachrufen. Ich werde es verstecken und erst in London wieder herausholen! Bis dann, ich hoffe alles entwickelt sich zum Guten!

… ein von Hearst aus Frankreich importiertes Kloster steht heute auf den Bahamas…

So enden die Aufzeichnungen von Robert Green, der unter dem Decknamen Thomas Walker in die Sowjetunion reiste. Er kehrte schließlich doch mit einigen Kontaktabzügen und handschriftlichen Kopien von Zeitungsartikeln, allesamt aus den Jahren des ersten Weltkrieges, nach England zurück. Was aus dem Mann wurde, der ihn an seinem dritten Tag in Moskau zum Archiv verfolgte, darüber weiß man nichts. Vielleicht handelt es sich bei ihm nur um eine von Green entwickelte Paranoia, eine Art von Verfolgungswahn. Oft legen sich Menschen solche Ideen zurecht, gerade wenn sie sich einsam mitten in unbekanntem Terrain befinden; vielleicht auch nur, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Wenn man sich inmitten von fremden Menschen bewegt und es kaum Aussichten auf eine Kontaktaufnahme gibt, sei es durch ethnische oder sprachliche Barrieren, dann neigt man doch im Allgemeinen dazu, sich einen fiktiven Freund vorzustellen. Es kommt zu einer gnadenlosen Überbewertung einer jeden sozialen Beziehung und vielleicht ist Green das gleiche mit der Empfangsdame im Archiv passiert; jede Interaktion gewinnt für einen selbst plötzlich eine immense Bedeutung. Auch wenn es dann nur ein zufälliger Spaziergänger sein sollte, ist man schon geneigt, sich ihn in den schillerndsten Farben vorzustellen. Wer er wohl sein mag, dieser Herr, der ebenfalls alleine durch die Stadt läuft; ebenfalls auf der Suche nach etwas. Diesen Mantel den er trägt, der erinnert doch an einen hohen Beamtenangestellten, diese perfide Kombination aus Eleganz und Müdigkeit, diese Ausdrucksstärke der Neutralität. Geschmeidig geht er an den Passanten vorbei; da ist eine ältere Frau, die sehr langsam geht und ihm damit etwas den Weg versperrt. Er verlangsamt seine Schritte, wartet höflich etwas ab, bis das entgegenkommende Pärchen vorbei ist, und zieht dann mit zwei langen Schritten an der Frau vorbei. Er trägt eine Aktentasche und einen kleineren Stoffbeutel, in dem er wahrscheinlich Einkäufe oder sein Mittagessen befördert. Er hebt seinen Kopf empor und man kann unter dem Schatten seines Hutes die glatte und gepflegte Haut sehen. 
Haben wir uns schon einmal gesehen? Nein, oder? Na gut.
Aber plötzlich bewegt er sich nicht mehr so geschmeidig durch die Menschenmassen, plötzlich hat er ein festes Ziel und vergisst darüber seine Umwelt, er rempelt einen anderen Mann an und dreht sich nicht einmal nach ihm um. Auch das Tempo seiner Schritte hat sich merklich erhöht.

Als Green nach London zurück gekehrt war, übergab er dem selben Mittelsmann, der ihm den Auftrag von Hearst erteilt hatte, die Transkripte und Abzüge. 

Einige Monate später wurden in der amerikanischen Presse im großen Stil Berichte über den Hunger in der Sowjetunion veröffentlicht. Sie erschienen im Chicago American und im New York Evening Journal, beide von Hearst herausgegeben. Hearst veröffentlichte Anfang der 1930er Jahre ebenfalls Artikel von Churchill, Mussolini, Goehring und Hitler in seinen Zeitungen. 1934 reiste er nach Deutschland und wurde dort von Hitler persönlich empfangen. Nach der Kristallnacht 1938 begann Hearst die Idee eines Schutzraumes für vertriebene und verfolgte Juden zu vertreten und war anschließend einer der ersten, der über den Holocaust berichtete.